Predigt, 7.3.2021               T-Barmherzigkeit 3

Liebe Geschwister!

Barmherzigkeit ist das, was wir brauchen.
Gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit.
Wir sind alle so Corona-müde, so dünnhäutig und gereizt.
Und diese Gereiztheit führt dazu, dass alle Fehler gnadenlos angeprangert werden.
Wer jetzt Verantwortung trägt in der Politik oder Verwaltung, in den Schulen und Kitas, der darf sich kein Versäumnis erlauben, sonst bricht sofort ein Shitstorm los. Ich finde es schlimm, wie in den Medien manche Leute runtergeputzt werden als hätte man selbst alles besser machen können.

Wir brauchen eine Barmherzigkeit, die mitfühlt, die Verständnis hat und Fehler verzeiht.
Wir brauchen das in unserer Gemeinde.
Wir brauchen das in unseren Familien, wo ja auch die Nerven oft blank liegen.
Wir brauchen es im Blick auf die Kollegin und den Kollegen, der mich gerade enttäuscht hat oder seine Sachen nicht geregelt kriegt.

Barmherzigkeit – das bedeutet nicht, dass man Sachen unter den Teppich kehrt oder Konflikten aus dem Weg geht. Sondern dass wir uns in die andere Person hineinfühlen, die Perspektive wechseln und mit Güte auf einen Menschen schauen.

Barmherzigkeit ist die entscheidende Kraft, um mit dieser schweren Situation, in der wir gerade stehen, fertig zu werden.

Aber unser Herz ist hart geworden.
Wir haben letzte Woche gesehen, dass es Dinge gibt, die sich wie eine Mauer um unser Herz legen: Überreizung, Selbstbeschauung, Angst und Verletzungen. Diese Dinge machen uns hart. Sie blockieren unsere Empathiefähigkeit.

Wie können diese Blockaden überwunden werden?
Wie kann unser Herz wieder weich und empathisch werden?

Jesus gibt uns einen entscheidenden Hinweis. In der Jahreslosung sagt er: „Werdet barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Gott ist barmherzig.
Und seine Barmherzigkeit ist der Schlüssel, um selber barmherziger zu werden.

Gott ist barmherzig. Das ist ein Satz, den hat man so oft gehört. Der wird so oft gepredigt. Der ist so normal, so selbstverständlich, dass er schmeckt wie ein ausgekautes Kaugummi.

Dabei ist es ja alles andere als selbstverständlich!
Wir sprechen ja hier nicht von einem Wunsch-Gott, den wir uns zurechtgebastelt haben, sondern von dem realen Gott: Das Wesen, das dieses Universum hervorgebracht hat, Milliarden von Galaxien; das auf einem winzigen Planeten Leben entstehen ließ, in immer komplexeren Formen; das Lebewesen hervorbrachte, die aufrecht gehen, die über den Sinn ihres Lebens nachdenken, die Liebe empfinden und vertrauen können und Hoffnung haben.

Und hinter diesem allen steht keine kalte Intelligenz, kein Zufallsgenerator, sondern eine barmherzige Kraft. Ein Herz, das liebt. Das uns liebt!

Das ist alles andere als selbstverständlich. Das ist das krasseste, was man über Gott sagen kann.
Gott ist barmherzig.
Er ist die Quelle aller Barmherzigkeit.
Dass wir als Menschen Barmherzigkeit empfinden können, das ist nicht nur ein Ergebnis unserer Erziehung (das ist es auch). Es ist nicht nur ein Nebenprodukt unserer Evolution, sondern unsere Empathiefähigkeit ist ein Geschenk unseres Schöpfers.

Manche Leute denken ja: Wenn wir von einem barmherzigen Gott sprechen, dass wir dann unser Empfinden von Barmherzigkeit auf Gott übertragen und damit Gott vermenschlichen. Doch in Wahrheit ist es umgekehrt: dass Gott seine Barmherzigkeit auf uns Menschen überträgt und damit uns teil gibt an seinem göttlichen Wesen.

Gott ist die Quelle, der Ursprung der Barmherzigkeit.

Luther hat einmal gesagt: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe.“

Und an diesem Backofen kann unser Herz auftauen. Da kann es wieder warm und weich werden.
Wenn wir mit dieser Energie in Berührung kommen,
dann kann das unsere Blockaden und Verhärtungen von innen her überwinden. 
„Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
Jesus hat nicht nur von Gottes Barmherzigkeit gesprochen. In ihm hat sie sich manifestiert. Da hat sie Hände und Füße bekommen. In Jesus sehen wir Gottes Barmherzigkeit in Aktion. Und da sehen wir auch, was für eine Kraft davon ausging.

Ein Beispiel dafür haben wir eben in der Lesung gehört:
Zachäus, der Oberzöllner aus Jericho.
Ein Mensch, dessen Herz hart geworden ist.
Klein von Gestalt, vielleicht schon als Kind gehänselt worden. Einer, der sich gegen die Großen behaupten muss. Denen werde ich’s noch zeigen!

Er nutzt seine Chancen, lässt sich als junger Mann auf die römische Besatzungsmacht ein und wird Zolleinnehmer. Er zahlt der römischen Verwaltung einen festen Betrag, was er darüber hinaus einnimmt, fließt in die eigene Tasche. Und die Leute in Jericho hassen ihn dafür. Sie hassen ihn, weil er mit den Feinden zusammenarbeitet. Und sie hassen ihn, weil er sie betrügt und ausnimmt und selber dabei reich wird. Er spürt den Hass und das macht ihn nur noch härter. Zachäus macht Karriere, wird Oberzöllner und wird noch reicher. Er umgibt sich mit Leuten, die so sind wie er, die über die braven Kleinbürger lachen und über die Frommen spotten.
Sein Herz ist verbarrikadiert.

Aber ganz tief, hinter den dicken Mauern, ist noch etwas anderes. Eine Sehnsucht. Etwas, das er selbst vielleicht gar nicht benennen kann.

Und dann kommt Jesus nach Jericho.
Zachäus hatte natürlich von ihm gehört: dass er ganz anders ist, dass er von Gott redet, aber anders als die Frommen, dass er Menschen heilt und sich mit den Kirchenfernen an einen Tisch setzt. Und irgendwie kriegt Zachäus den großen Wunsch, Jesus zu sehen.

Und als die Leute am Straßenrand ihm keinen Platz machen wollen, da steigt er auf einen Baum. Klein und pummelig wie er ist. Die mögliche Peinlichkeit ist ihm egal.
Und dann passiert diese unglaubliche Sache. Jesus sieht ihn. Er entdeckt ihn da im Baum und er spricht ihn an. Ausgerechnet ihn! Zachäus, ich will zu dir! Ich will mit dir zu Abend essen.

Zachäus ist geschockt. Ein Gefühlsdurcheinander! Er rutscht vom Baum und nimmt Jesus sofort mit. Er macht ein Festessen, lädt seine Kumpel ein. Und in dieser Zeit, mit Jesus an seinem Tisch, da passiert etwas in seinem Herzen.

Er spürt bei Jesus eine Liebe, eine Barmherzigkeit, die seine Verhärtungen aufbricht.
Mauern stürzen ein, wie damals in Jericho die Stadtmauern einstürzten.

Sein Herz wird von Barmherzigkeit berührt und erwärmt. Und auf einmal will Zachäus sein Leben ändern. Er will sein Unrecht wieder gut machen und sein Herz anderen zuwenden.

Das ist doch unglaublich, was da bei ihm passiert, oder?
Und das ist ja keine hübsche Gute-Nacht-Geschichte für Kinder, sondern wirklich geschehen.
So eine Sache mit dem Oberzöllner, der auf den Baum klettert – das denkt sich keiner aus. Das ist echt passiert.

Die Liebe, die Zachäus da bei Jesus erlebt hat, die hat ihn total umgekrempelt.
Und das passiert immer wieder.
Wo Menschen mit Gottes Barmherzigkeit in Berührung kommen, wo sie Barmherzigkeit erfahren, da werden sie angesteckt.

Ich habe vor einigen Jahren bei einem Kongress eine Frau aus Indien kennengelernt, Pranitha Timothy. Sie ist Inderin und leitet ein großes Hilfswerk, das versklavte Menschen in Indien aus der Sklaverei befreit. Diese Frau hat mich schwer beeindruckt. Sie erzählte, dass sie als Kind in ein Internat gehen musste. Ihre Eltern waren Missionsärzte und konnten sie nicht mit sich nehmen. Diese unfreiwillige Trennung von den Eltern hatte Pranitha tief verletzt. Es entstand ein schlimmer Hass in ihr; ein Hass auf Gott und ein Hass auf alle Menschen. Pranitha beschrieb, wie dieser Hass ihr Leben zerstörte. Sie war berechnend und gemein zu allen. Niemand konnte sie leiden. Mit niemandem kam sie klar. Sie wurde sogar wegen unsozialem Verhalten von der Schule verwiesen. Pranitha spürte, wie kaputt und aussichtslos ihr Leben war.

In ihrer Verzweiflung, so erzählte sie, wendete sie sich an Jesus. Sie wusste einfach keinen anderen Ausweg mehr. Und dieser Kontakt zu Jesus hat ihr Inneres verwandelt. Bei ihm fand sie die Liebe, die sie brauchte, die sie heilte. Der Hass löste sich allmählich auf. Ihr Herz wurde wieder weich, empfindsam. Für sie war das ein riesengroßes Geschenk. Davon wollte sie nun anderen weitergeben. Diese Liebe wollte sie mit anderen teilen.

Und so entschloss sie sich, Menschen zu helfen, die in Indien versklavt werden. Das gibt es bis heute.
Pranitha ist eine ganz kleine, zierliche Frau. Aber es war beeindruckend, mit wie viel Mut und Entschlossenheit sie kämpft, um Menschen aus der Sklaverei zu befreien: Sie geht zu den Behörden, mobilisiert die Polizei, verhandelt mit Sklavenhaltern. Sie hat ein großes Herz für die Unterdrückten. Eine Frau, die bei Gott Barmherzigkeit geschöpft hat und aus der ganz viel Barmherzigkeit ausströmt.

Unser Herz kann wieder weich werden.
Die Blockaden können verschwinden, wenn wir uns von Gottes Barmherzigkeit erfüllen lassen.

Ich habe etwas mitgebracht:
Der Akku von meinem E-Bike.
So ein Akku ist eine feine Sache. Damit kann man viele Kilometer den Motor in Gang halten. Aber irgendwann ist auch der beste Akku leer und muss aufgeladen werden. Mehrere Stunden ist er ans Netz angeschlossen und lädt. Dann hat er wieder seine volle Kraft.

Unser Herz ist wie so ein Akku. Keiner von uns hat endlose Reserven an Empathie und Mitgefühl. Irgendwann ist das verbraucht und leer.

Aber wir können bei Gott neu aufladen.
Von ihm neue Barmherzigkeit empfangen.
Seine Liebeskraft kann in uns einströmen.

Dafür braucht es Zeiten, wo wir Gott ganz nahe kommen, mit ihm in Verbindung kommen, wie der Akku mit dem Stromnetz verbunden ist.

Sie können sich in Ihrem Alltag solche Zeiten einbauen. Zeit zum Gebet, zum Hören auf Gottes Worte. Zeit, wo Sie Ihr Herz ganz still und ruhig Gott hinhalten. Nicht nur so zwei Minuten, sondern über einen längeren Zeitraum, damit das Herz laden kann.

So ganz allein und ohne Übung – das ist nicht einfach. Manchen Menschen hilft es, an einen geistlichen Ort zu fahren, wo man aufladen kann: Vielleicht in ein Kloster, wo man Exerzitien macht, oder in unser evangelisches Haus der Stille nach Rengstorf oder an andere Orte.

Wenn einmal die Coronabeschränkungen vorbei sind, dann wird es auch bei uns in der Gemeinde wieder mehr Orte geben, wo man aufladen kann:

> Gottesdienst
> Herzensgebet mit Christian Knoche-Hager
> Glaubenskurs?

Unser Herz kann laden; kann Barmherzigkeit laden wie ein Akku den Strom.
Und dann können wir Barmherzigkeit an andere Menschen weitergeben.

Wie das praktisch wird, darüber werden wir nächsten Sonntag sprechen.

Und der Friede Gottes, der unsere Vernunft übersteigt, bewahre eure Herzen und Gedanken in Jesus

Amen.