Predigt, 14.3.2021               T-Barmherzigkeit 4

„Wer fühlt, was er sieht, der tut, was er kann“. Dieses Zitat habe ich kürzlich gelesen. Es stammt von einem Pastor, Volker Halfmann, der zugleich auch Suchtberater ist. Er bekommt eine Menge Not zu sehen und ist herausgefordert, immer wieder barmherzig zu reagieren.

„Wer fühlt, was er sieht, der tut, was er kann“ – der Satz fasst auch gut zusammen, worum es bei der Barmherzigkeit geht.

Es beginnt mit dem Sehen.
Dass wir eine Not wahrnehmen, nicht wegsehen, sondern hinschauen. Damit fängt es an.

Und nun kommt ein entscheidender Punkt: Dass wir das, was wir sehen, auch fühlen. Dass wir die Not, den Schmerz an unser eigenes Herz heranlassen, mitfühlen.

Wir haben auch gesehen: Zwischen Augen und Herz besteht eine Wechselwirkung: Was wir sehen, berührt das Herz. Aber der Zustand des Herzens beeinflusst auch unsere Wahrnehmung. Ein barmherziges Herz sieht tiefer. Ubi amor ibi oculus, hat ein Theologe aus dem Mittelalter, Richard von St. Victor, einmal gesagt. Wo Liebe ist, da ist auch Auge. Da ist Aufmerksamkeit und Hinschauen.

Auf das Herz kommt es an. Wir haben in den letzten beiden Predigten angeschaut, was unser Herz blockiert und wie es von Gottes Liebe erwärmt wird.

Aber nun fehlt noch etwas.
Barmherzigkeit ist nicht nur ein Gefühl.
Sie ist nicht nur etwas Inneres, nicht nur eine Herzenssache.

Sondern echte Barmherzigkeit geht in die Hände und Füße.
Sie wird zur Tat.

Darum soll es heute gehen.

Wir haben vorhin in der Lesung einen Abschnitt aus dem Jakobusbrief gehört (Jak. 2, 14-18). Jakobus, das ist der Bruder von Jesus.
Der macht deutlich:
Ein Glaube, der nicht zu Taten führt, ist tot.
Und genau so ist es bei der Barmherzigkeit:
Eine Barmherzigkeit, die nicht zu Taten führt, ist tot.
Was nützt, sagt Jakobus, einem armen Menschen dein Mitgefühl?
Was nützt es einem, der keine Kleidung und kein Essen, wenn du ihm sagst: Oh du Armer! Ich würde es dir gönnen, wenn du etwas zum Anziehen und zum Essen hättest!
Solange man diesem Menschen nicht real hilft, ist man nicht barmherzig.

Das war es ja auch, was den barmherzigen Samariter auszeichnete: Dass er hinschaut und mitfühlt und dann hingeht und anpackt.

Die Frage ist also: Wie kommt die Barmherzigkeit in die Hände und Füße? Wie wird sie praktisch?

Auf dem Weg vom Herzen in die Hände gibt es eine Schwelle; eine Hemmschwelle. Das ist unsere natürliche Trägheit. Wir tun leicht Dinge, die wir gewohnt sind, die Routine sind. Aber das Ungewohnte, Fremde, das fällt uns normalerweise nicht so leicht.

Mir geht das öfters so. Ich sehe eine Not, sehe einen Menschen, der Hilfe bräuchte. Vielleicht jemand, der mit dem Wagen liegen geblieben ist oder ein älterer Mensch, der schwer zu tragen hat oder ein Bericht über die schlimme Situation in einem Flüchtlingslager.
Ich empfinde auch spontan Mitgefühl und denke: Da solltest du helfen. Aber dann fallen mir sofort gute Gründe ein, warum das jetzt gerade nicht passt. Ich zögere – und dann ist die Situation schon vorbei. Ich bin weitergefahren, bin vorübergegangen, der Krimi fängt an und es kommt nicht zur Tat.

Die Barmherzigkeit kam nicht bis in die Hand, sondern ist irgendwo unterwegs versandet.
Vielleicht kennen Sie ja auch solche Momente.
Eigentlich wollen wir, aber es wird nicht konkret.

„Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk.6, 36)
Die Jahreslosung ist eine Verheißung. Wir können barmherzig werden. Jeder von uns. Unsere Barmherzigkeit muss nicht auf halber Strecke versanden.

Und es gibt einige Hilfe, die uns unterstützen, dass die Barmherzigkeit vom Herzen in die Hand kommt.

Sie sind wie Handläufe, die uns helfen, diesen Weg zu schaffen vom Wunsch zur Tat, vom Mitgefühl zur Handlung. Vier solche Hilfen möchte ich Ihnen vorstellen.

1. Einen festen Vorsatz fassen

Wir können unseren Willen stärken, indem wir einen festen Vorsatz fassen: Ich will heute barmherzig handeln. Ich will die Gelegenheiten wahrnehmen, wo ich etwas Barmherziges tun kann.

Klar: Unsere Vorsätze sind schwankend und schnell wieder vergessen. Aber trotzdem: Man sollte die Kraft des Vorsatzes nicht unterschätzen!
Und Sie können diesen Vorsatz verstärken, wenn Sie ihn schriftlich fassen. Einfach auf einen Zettel schreiben und an den Monitor kleben oder an den Badezimmerspiegel. Dann kommt er wieder in Erinnerung.
Man kann auch so einen Vorsatz mit jemandem teilen, mit dem Partner oder einer guten Freundin. Durch Aufschreiben und Teilen wird der Vorsatz noch einmal stärker in unserem Willen verankert. Wir sind noch fokussierter. Und wenn wir dann im Laufe des Tages in eine Situation kommen, wo wir barmherzig handeln können, dann werden wir leichter die Hemmschwelle überwinden und den Weg vom Herzen in die Hand schaffen.

2. Gott um Hilfe bitten

Gott will ja, dass wir barmherzig werden, weil er selbst barmherzig ist. Bei ihm ist die Kraft, die wir brauchen. Und darum macht es Sinn, ihn um Unterstützung zu bitten.

Sie können zum Beispiel jeden Morgen dieses Gebet sprechen:

Herr, mache meine Augen barmherzig,
dass ich die Not um mich her sehe!
Mache mein Herz barmherzig,
dass ich fühle, was meine Mitmenschen bewegt!
Mache meine Hand barmherzig,
dass ich tue, was anderen gut tut!
Amen.

Nehmen Sie dieses Gebet oder formulieren Sie ein eigenes Gebet um Barmherzigkeit. Und dann beten Sie es doch jeden Morgen, bevor der Tag richtig los geht.  Jeden Morgen eine ganze Woche lang. Durch so ein Gebet machen Sie die Fenster zum Himmel auf und Gottes Barmherzigkeit kann in Ihr Leben hineinströmen!

3. Klein anfangen!

Es gibt ein echtes Problem bei der Umsetzung der Barmherzigkeit in die Tat. Wenn wir anfangen, richtig hinzuschauen auf die Nöte in unserer Welt, dann sind wir ganz schnell erschlagen. Weil es so viel Not gibt. So viel, was man tun könnte und sollte und müsste. Das ist deprimierend. Man hat dann das Gefühl: Was ich tun kann, das ist ja doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das verändert doch nichts. Psychologen sprechen hier von der Selbstwirksamkeitserwartung: Dieses Gefühl: ich kann mit meinem Tun etwas bewirken. Ich kann einen Unterschied machen. Wenn uns die Fülle der Not erschlägt, dann geht unsere Selbstwirksamkeitserwartung gegen Null. Und wenn ich nicht mehr das Gefühl habe, etwas Gutes bewirken zu können, dann verliere ich alle Motivation und lasse es ganz sein.

Und darum ist es wichtig, klein anzufangen.
Ich kann nicht jedem Obdachlosen in der Stadt helfen, aber vielleicht einem. Und das ist gut. Das macht einen Unterschied.

Ich kann nicht alle Einsamen besuchen, aber einen kann ich besuchen. Und für diesen einen ist es wichtig und macht es einen Unterschied.

Ich kann nicht bei jeder Hungerkatastrophe, die ich in den Medien sehe, spenden. Aber ich kann ein Projekt unterstützen und damit einen Unterschied machen.

Sie können nicht alle Waisenkinder in Afrika lieben. Aber Sie können ein Kind zu Ihrem Patenkind machen, dafür sorgen, dass es zu essen bekommt und eine gute Schulbildung kriegt. Und damit machen Sie für dieses Menschenkind einen großen Unterschied!

Klein anfangen! Sich nicht zu viel vornehmen, sondern in einer konkreten Sache Barmherzigkeit üben, einem Menschen praktisch helfen.
Das ist möglich. Und das bewirkt viel.
Und so werden wir barmherzig, ohne uns zu überfordern.

4. Üben!

Alles Gute braucht Übung!
Sie lernen kein Instrument ohne Übung.
Sie schaffen kein Studium ohne Übung.
Und auch, wenn wir barmherzig werden wollen, braucht das Übung.

Mit Übung meine ich keinen Drill, sondern dass wir bestimmte Vollzüge wiederholen. Nur so verankern sie sich.

Es geht darum, unsere Wahrnehmung zu verfeinern. Immer wieder das barmherzige Hinsehen üben. Das passiert nicht mit einem Mal.
Es geht darum, dass unser Herz weich und empfindsam wird, dass wir die Blockaden überwinden, von Gottes Liebe schmelzen lassen. Immer wieder.

Und dann geht es darum, den Weg vom Herzen zur Hand zu gehen, dass ein barmherziger Impuls auch zur Tat wird.
Auch das braucht Übung.

Ich sagte vorhin: Ungewohnte Handlungen fallen uns schwer. Da gibt es in unserem Gehirn noch keine entsprechenden Synapsen.
Aber Neurologen haben herausgefunden: Mit jeder Tat, die ich vollziehe, verändert sich etwas in meinem Gehirn. Schon nach wenigen Wiederholungen entstehen neue Synapsen. Was beim ersten und zweiten Mal noch schwer war, das ist beim dritten und vierten Mal schon viel leichter.

Wenn Sie zum Beispiel in der Stadt eine obdachlose Frau sehen, die Sie um Geld bittet, dann könnten Sie ihr anbieten: ich gebe Ihnen kein Geld, aber wenn Sie wollen, dann besorge ich Ihnen etwas zum Essen. Beim ersten Mal wird das mit einer großen Hemmschwelle verbunden sein. Aber wenn man das mehrmals macht, dann wird es immer leichter fallen.
Und das gilt genau so bei Besuchen bei einsamen Menschen oder bei der Unterstützung von Flüchtlingen oder wenn der Kollege im Büro von seiner persönlichen Krise erzählt.

„Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ – Das ist eine Verheißung für unser Leben.
Wenn wir einen festen Vorsatz fassen und Gott um Hilfe bitten, wenn wir klein anfangen und dann beharrlich üben – dann kann diese Verheißung in deinem Leben Wirklichkeit werden.

Dann kann Barmherzigkeit dein Markenzeichen werden, so wie es Gottes Markenzeichen ist.

Amen.