Predigt, 21.2.2021               T-Barmherzigkeit 1

Liebe Geschwister,

kürzlich bekam ich ein etwas bissiges Video zugeschickt, gemacht im Stil einer Medikamentenwerbung. Da sitzt eine ältere Dame in ihrem Sessel. Ihre beiden Enkel, Teenager, diskutieren wild über Klimaschutz und wie wichtig es ist, sich für andere Menschen zu engagieren. Doch die Oma ist völlig apathisch. Das geht alles an ihr vorbei und die Enkel sind enttäuscht. Aber dann kommt eine freundliche Apothekerstimme aus dem Off und empfiehlt „Empathie forte“: Bei Teilnahmslosigkeit und Desinteresse: Nehmen Sie Empathie forte. Eine Tablette und schon springt Oma auf und diskutiert leidenschaftlich mit ihren Enkeln mit!

Das wäre doch schön, oder?
Eine Tablette Empathie forte und schon sind wir voller Mitgefühl, voller Leidenschaft.

Wir fangen heute eine Predigtreihe an. Da geht es um das Thema Barmherzigkeit. Das hat ja viel mit Empathie und Mitgefühl zu tun.

Ich fürchte aber, dass Tabletten uns da nicht wirklich weiterhelfen.

Aber auch Appelle bewirken meist wenig.

Die Jahreslosung für dieses Jahr kann man als Appell verstehen. Es ist ein Satz von Jesus:
„Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6, 36)

Bei Appellen ducke ich mich schnell weg.
Ich mag das nicht, wenn man mir sagt: Tu das und das! Sei so und so!!
Da kommen sofort Widerstände hoch. Kennen Sie das?

Und dann auch noch so ein Wahnsinns-Maßstab:
Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!
Also: Seid barmherzig wie Gott!

Das klingt doch so wie:
Spring so weit wie Mihambo Malaika!
Oder:
Schieß so gut wie Lewandowski!

Wenn die Latte so hoch hängt und wenn man weiß: Das schaffe ich ja doch nicht - dann ist das ja total entmutigend.

Unser Widerstand gegen die Jahreslosung kann ein wenig gelockert werden, wenn wir uns diesen Satz genauer anschauen.

Eine erste Beobachtung:
Wörtlich übersetzt heißt der Text im Original nicht:
„Seid barmherzig“, sondern „Werdet barmherzig“.
Hier steht ein griechisches Verb, ginomai. Das beschreibt nicht einen Zustand, sondern einen Prozess, eine Entwicklung.

Werdet barmherzig!
Ihr seid es noch nicht, aber ihr könnt es werden!

Barmherzigkeit ist offenbar etwas, das man lernen kann.

Und Gottes Barmherzigkeit ist dabei nicht die Latte, die ganz hoch hängt und die ich sowieso nicht erreichen kann, sondern sie ist die Kraftquelle, die Motivationsenergie:

Weil Gott, mein Vater, so barmherzig ist, kann auch ich barmherzig werden! Weil er barmherzig zu mir ist, kann ich barmherzig zu anderen werden.

Aber - was ist das überhaupt: Barmherzigkeit?
Wie können wir barmherzig werden?
Was blockiert uns da und wie geht das praktisch?
Das sind die Fragen, mit denen wir uns in den nächsten Wochen befassen werden.
In dieser Passionszeit können wir uns einüben in Barmherzigkeit!

Fangen wir an:
Was ist überhaupt Barmherzigkeit?

Um das herauszufinden, orientieren wir uns am besten bei Jesus. Wenn man das ganze Wirken von Jesus mit einem einzigen Wort zusammenfassen sollte, dann wäre es das Wort Barmherzigkeit. Das war tatsächlich sein Markenzeichen.
Immer wieder berichten die Evangelien davon, dass Jesus sich Menschen in Not zuwendet, dass ihn das Leid anderer anrührt. Er nimmt Kontakt mit den Ausgeschlossenen auf, berührt Menschen, die ansteckende Krankheiten haben, nimmt Kinder auf den Arm und lacht mit ihnen, er lässt sein Essen stehen, weil Menschen seine Hilfe brauchen, und er weint über Jerusalem, weil die Menschen da so verhärtet sind.

Ich will mir mal eine ganz kleine Szene mit Ihnen anschauen:

Mt. 9, 35-36

Die gleichen Worte lese ich noch mal nach der Übersetzung der Basisbibel, einer neueren Übersetzung:

„Jesus zog durch alle Städte und Dörfer des Landes. Er lehrte in ihren Synagogen und verkündete die Gute Nachricht vom Himmelreich. Und er heilte jede Krankheit und jedes Leiden. Jesus sah die große Volksmenge und bekam Mitleid mit den Menschen. Denn sie waren erschöpft und hilflos – wie Schafe, die keinen Hirten haben.“

„Jesus sah die große Volksmenge“ – damit fängt alles an. Barmherzigkeit beginnt mit dem Sehen, mit der Wahrnehmung.

Die Jünger, die neben Jesus standen, die sahen das gleiche. Aber sie sahen doch auch wieder nicht das gleiche. Sie sahen Menschen da herumstehen, Männer und Frauen, arm und reich, nett und weniger nett. Menschen, die sie nervten, die was von ihnen wollten, die nützlich waren oder bedrohlich. Die Jünger sahen einfach nur eine Menge Menschen. Aber Jesus sah tiefer: Er sah: Menschen ohne Orientierung, erschöpft und hilflos, ängstlich und voller Sorgen, wie Schafe ohne Hirten.

Jesus sah tiefer. Sah hinter die Fassade.
Und damit fängt Barmherzigkeit an, dass wir tiefer sehen.

Ich war vor etlichen Jahren auf einer christlichen Studentenfreizeit in Norwegen. Ein Student fuhr mit, den ich noch gar nicht kannte. Ich nenne ihn mal Martin. Martin hatte mit dem Glauben wenig am Hut, aber er war trotzdem mitgekommen. Auf der Hinfahrt erzählte er mir von seiner netten Freundin, den vielen Freunden, die er hat, die Konzerte, die er besucht, Feten, Hobbies. Martin war so ein richtiger Strahlemann, gesund und gut aussehend, einer, der das Leben genießt und dem offenbar alles zufällt. Ich dachte: Der hat echt ein schönes Leben! Da kann man ja neidisch werden! Was will der eigentlich auf so einer Freizeit bei uns?

Zwei Wochen später standen wir auf der Fähre beim Sonnenuntergang, sahen zurück und unterhielten uns. Martin erzählte mir: Ich habe noch nie so etwas erlebt wie in diesen zwei Wochen! So eine Gemeinschaft! Dass da 20 Leute zwei Wochen lang zusammenleben, ohne Streit, so gut drauf! Ich möchte nächstes Jahr unbedingt wieder mitkommen!“
Und dann erzählte er mir von seiner Kindheit, von schlimmen, schlimmen Verletzungen, die er erlebt hat. Wie er von Menschen tief enttäuscht wurde.

Und ich sah auf einmal einen ganz anderen Menschen, tief verwundet, voller Sehnsucht, Sehnsucht nach Gott, nach heilen Beziehungen, nach Güte und Verlässlichkeit.

Man kann sich so täuschen!
Hinter der fröhlichen Fassade liegt manchmal tiefe Not!

Jesus sah tiefer, hinter die Oberfläche.
Und damit beginnt die Barmherzigkeit.

„Jesus sah die große Volksmenge und bekam Mitleid mit den Menschen.“
Die Not, die er wahrnimmt, löst etwas in ihm aus:
Mitleid, Mitgefühl, Erbarmen.
Da steht im griechischen Urtext ein Wort, das drückt aus, dass die Eingeweide in Bewegung kommen.
Wir sagen das ja auch manchmal im Deutschen: Das geht mir an die Nieren. 
Unser Wort Barmherzigkeit drückt das ja ebenfalls aus: Da geht mir etwas ans Herz.
Das Innerste wird aufgewühlt.
Da ist ein Schmerz, ein Berührtsein von innen her.

Was da in unserem Inneren passiert, das können wir heute auch anders beschreiben. Hirnforscher haben herausgefunden, dass es in unserem Gehirn sog. Spiegel-Neuronen gibt. Sie kennen das ja wahrscheinlich. Das sind bestimmte Nervenzellen, die es ermöglichen, dass wir das, was wir bei anderen beobachten, selber nachempfinden können.
Wenn wir jemanden lachen sehen, dann steckt uns das an und wir lachen mit.
Und wenn wir ein schmerzverzerrtes Gesicht sehen oder jemanden, der weint, dann fühlen wir selbst einen Schmerz in uns.

Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer sagt es so: Spiegel-Nervenzellen sind die neuronale Grundlage für Empathie. Diese Zellen „machen“ keine Empathie, aber sie ermöglichen sie. Wir sind ausgestattet mit dieser wunderbaren Fähigkeit, uns in andere hineinzuversetzen. Wir können mitfühlen, was andere fühlen, nacherleben, was andere erleben. Das ist eine großartige Gabe, die Gott uns da eingebaut hat.

Wir können als Menschen barmherzig sein!
Wir können das Leid, den Schmerz, die Freude und das Glück, das wir bei anderen sehen, nachempfinden und mitleiden.
Wir können zulassen, dass das, was wir bei anderen sehen, unser eigenes Herz erreicht und berührt und unser Handeln beeinflusst.
Das ist etwas, das uns Menschen auszeichnet. Eine Gabe, die Gott uns verliehen hat.
Und worin wir Gottes Ebenbilder sind. Worin wir Gottes Wesen spiegeln. Gott – der selber barmherzig ist.

Barmherzig sein heißt also: Wahrhaft Mensch sein!

Und die Aufforderung: Werdet barmherzig bedeutet dann: Werdet wahre Menschen! So wie Gott sich das gedacht hat! Wie Gott euch das ermöglicht hat!

Wir können also barmherzig werden! Aber es ist kein Automatismus, trotz aller Spiegelneuronen.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das wir eben gehört haben, gehen zwei Menschen an der Not eines anderen vorbei. Sie sehen ihn. Das steht da ausdrücklich. Sie haben sicher auch die ganze neuronale Ausstattung, also das Potenzial, mitfühlend zu sein. Aber trotzdem – sie gehen vorbei und lassen den liegen, der unter die Räuber gefallen ist.
Der Samariter macht es anders. Er sieht und er fühlt mit. Ihn schmerzt der Schmerz dieses Menschen.
Es erreicht sein Herz.
Und darum geht er hin und pflegt seine Wunden
und rettet sein Leben.

Was macht den Unterschied? Warum handelt der eine barmherzig und die anderen nicht?
Warum sind wir manchmal barmherzig und manchmal so hart?
Und wie können wir barmherziger werden?

Wir werden nächsten Sonntag diesen Fragen weiter nachgehen. Sie sind herzlich dazu eingeladen!

Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!
Dafür gibt es keine Pille.
Da reicht aber auch kein Appell.
Jesus lädt uns hier ein, in einen Prozess einzusteigen, in dem wir uns von Gottes Barmherzigkeit anstecken lassen.

Amen.