Predigt, 24.1.2021                Psalm 46

Liebe Geschwister,
vor einem Jahr habe ich angefangen, jeden Monat einen Psalm zu meditieren. Einen Monat lang derselbe Psalm. Jeden Tag bete ich den, lerne ihn auswendig und lasse mich davon inspirieren. Das tut sehr gut, und ich kann es nur weiterempfehlen.

In diesem Monat ist Psalm 46 dran.
Den haben wir vorhin gemeinsam gesprochen.

Der Psalm 46 gehört zu einer Gruppe von Psalmen, die den Korachitern zugeschrieben werden. Das war eine Gruppe von Leuten, die im Tempel in Jerusalem für bestimmte Dienste zuständig war, wohl auch für den Gesang, und die eigene Lieder gedichtet haben.

Ein eindrücklicher Psalm!
Voller Vertrauen in stürmischen Zeiten!
Wir können uns in dieser Predigt nur die erste Hälfte anschauen, sonst wäre es zu viel. Denn die ersten Verse haben es in sich.


„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke,
eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“

Mit drei Begriffen wird beschrieben, was Gott für die Beter ist:

Zuversicht
Stärke
Hilfe

Das Wort, das in der Lutherübersetzung mit „Zuversicht“ übersetzt ist, ist ein ganz besonders schönes Wort im Hebräischen: Machasä.

Das ist der Ort, wo man geborgen ist. Geborgen wie ein Kind im Schoß der Mutter.
Der Ort, wo man sicher ist und zuversichtlich und keine Angst haben muss. Wo mir nichts passieren kann. Der Zufluchtsort.

Gott ist unsere Machasä.
Bei Gott sind wir geborgen.
Bei ihm sind wir sicher und gehalten.
Da brauchen wir keine Angst haben, weil seine Macht größer ist als alles, was uns bedroht.
Und aus dieser Geborgenheit in Gott erwächst Stärke.
Wer festen Halt hat, wird stark.
Den bläst so leicht kein Wind um.

Sie kennen bestimmt auch Menschen, die so eine innere Stärke ausstrahlen. Sie wirken vielleicht äußerlich zerbrechlich und zart, aber sie haben eine innere Kraft und Festigkeit, weil sie in Gott verankert sind.

Und weil sie erfahren haben, dass Gott ihre Hilfe ist.

Gott ist unsere Hilfe. Das heißt: Wir sind nicht allein. Da ist jemand, der mir beisteht, der mich unterstützt, der mir zusätzliche Energie einflößt und für mich eintritt.

Als Joe Biden am letzten Mittwoch vereidigt wurde und dieses schwere Amt der Präsidentschaft übernahm, da hat er gesagt – und ich glaube, er hat es sehr bewusst gesagt - : So help me God! Mit Gottes Hilfe!

Bei den wichtigen Aufgaben im Leben brauchen wir Hilfe. Hilfe von oben. Da brauchen wir einen, der uns unterstützt.

Gott ist unsere Hilfe, der uns stärkt und bei dem wir geborgen sind.

Der katholische Theologe Romano Guardini hat einmal gesagt:
„Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten.“

Wenn wir uns bei Gott bergen, wenn wir uns von ihm halten und tragen lassen, dann können wir in allen anderen Dingen des Lebens gelassen bleiben.
Gelassen wie Jesus im Boot, als der Sturm tobt und er seelenruhig im schaukelnden Boot schläft, wie wir das eben im Evangelium gehört haben.

Und so sagen die Psalmisten:

„Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,
wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.“

Es ist ein Psalm für stürmische Zeiten.

Und diese Zeiten werden hier eindrücklich beschrieben.
Da sehen wir ein Meer, aufgewühlt und wütend.
Tosender Wind.
Riesige Wellen, meterhoch.
Sie krachen gegen Berge mit solcher Gewalt, dass Berge einstürzen und ins Meer sinken.

Es gibt solche Zeiten, wo wir das Gefühl haben:
Ich bin mitten im Sturm auf der See.
Die Wellen branden gegen mein Leben,
und sie schlagen über meinem Kopf zusammen.

Wir erleben als Gesellschaft gerade so einen Sturm.
Pandemie-Wellen, die über unser Land gehen und über die ganze Welt, und die wir gerne brechen würden.

Manche erleben das auch existenziell, vielleicht auch unter uns hier:
Wie ein Virus unser Leben bedroht oder das Leben eines Angehörigen.


Manche sind bis an den Anschlag belastet.
Die Arbeit, die Aufgaben, was alles zu tun ist – das brandet wie schwere Wellen gegen sie und sie haben das Gefühl: Ich komme nicht dagegen an. Ich gehe unter.

Und nicht nur Corona erzeugt Stürme und Wellen.

Manche erleben Stürme in ihrer Familie, weil da ein Konflikt ist, der eskaliert und der immer höhere Wellen schlägt.

Es gibt Wellen der Angst, der Sorge, der Trauer, der Wut.

Welche Wellen erlebst du gerade?
Was stürmt da im Moment auf dich ein? …

Der Sturm tobt.

Doch dann – ein ganz plötzlicher Szenenwechsel.

„Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig sein mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.“

Luther hat hier sehr frei übersetzt.
Wörtlich heißt es in dem Psalm:
„Ein Strom! Seine Arme erfreuen die Stadt Gottes,
die heiligen Wohnungen des Höchsten.“

Statt dem tosenden Meer sehen wir jetzt einen Fluss, der friedlich dahinfließt. Von dem Fluss gehen Kanäle ab und durchziehen die Stadt Gottes, versorgen sie mit Wasser, mit Leben; sorgen für gute Laune bei dem Menschen.

Es ist der totale Kontrast:
Ringsherum Chaos und Sturm und alles stürzt ein – und hier in der Stadt Gottes: Frieden und Sicherheit und Freude.

Die Stadt Gottes – das ist zunächst einmal Jerusalem.
Damals stand in Jerusalem noch der Tempel, an der Stelle, wo jetzt der Felsendom steht.
Es war ein prächtiger Tempel. Und Gott hatte zugesagt, an diesem zu wohnen, erreichbar zu sein: Die „heiligen Wohnungen des Höchsten“.

Menschen kamen nach Jerusalem, kamen zum Tempel und fühlten sich geborgen.

Sie wussten: Gott ist hier, ganz nah.

„Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben.
Gott hilft ihr früh am Morgen.“

Trotz allem Chaos von außen, trotz allem, was uns bedroht: Gott ist bei uns. Gott wird uns helfen. Die Nacht der Angst geht vorbei. Und darum werden wir fest bleiben.


Der Tempel in Jerusalem steht längst nicht mehr.
Er ist zerstört worden.
Aber Jesus hat einmal gesagt: Gottes Gegenwart ist nicht an den Tempel gebunden. Wir müssen nicht in irgendeinen Tempel laufen, um Gott nahe zu sein. Wir müssen auch nicht unbedingt in eine Kirche gehen, um Gott nahe zu sein. Auch wenn es hier in unserer Kirche natürlich sehr schön ist. Aber Gottes Gegenwart ist nicht an besondere Orte gebunden.
Er ist überall erreichbar. Jesus hat den Zugang zu Gott freigemacht. Und Er wohnt überall. Überall, so sagte es einmal Martin Buber, wo man ihn einlässt. Überall, wo man ihm die Türe aufmacht.


Und darum meint die „Stadt Gottes“ nicht nur Jerusalem. Es ist auch eine Metapher für einen Menschen, in dessen Innerem Gott wohnt.

Unser Leben, dein Leben, kann so eine „Stadt Gottes“ sein:
Eine Stadt, die von einem Strom durchzogen ist, der sie mit Lebenskraft versorgt und mit Liebe. Aus der sie immer neu schöpfen kann.
Gott wohnt bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben.
Trotz allem Chaos, das herrscht.
Trotz allem Sturm, der außen tobt,
trotz allen Wellen, die gegen sie heranbrechen:
Dennoch wird die Stadt Gottes fein lustig bleiben, heiter und in Frieden.

So kann unser Leben aussehen, wenn wir Gott in unserer Mitte wohnen lassen.
Es kommt darauf an, dass wir Gott bewusst erlauben, Raum einzunehmen in unserem Leben.

Das heißt konkret, dass ich über alles in meinem Leben mit Gott spreche,
dass ich meine aufgewühlten Gedanken und Gefühle, meine Pläne und Ziele mit ihm teile und alles ihm anvertraue und ihn frage: wie möchtest Du, dass ich jetzt hier reagiere?

Wenn wir das machen, dann bekommt Gott Raum in deinem Leben. Dann wohnt er nicht nur so einer kleinen Nische, nicht nur in der Besenkammer, sondern in der Mitte.

Gott wohnt in ihrer Mitte; darum wird sie fest bleiben.

Wir haben vorgestern Volker Speitmann beerdigt. Er ist mit 51 Jahren gestorben. Manche von Ihnen werden ihn gekannt haben, zumindest vom Sehen. Er war in den letzten zwei Jahren sehr häufig im Gottesdienst gewesen. Vorher hatte er nicht viel mit Kirche und Glauben zu tun gehabt. Aber vor zwei Jahren hatte er eine Gottesbegegnung. Da ist ihm Gott in einem Traum ganz nahe gekommen. Und seit dem hat er sich an Gott fest gemacht. Er hat angefangen, in der Bibel zu lesen, zu beten, regelmäßig zum Gottesdienst zu gehen. Er war schon lange krank, und da war vieles, was ihn bedroht hat. Viele Wellen, die auf ihn eingestürzt sind. Aber er hat sich an Gott fest gemacht und hat in Gott Halt und Geborgenheit gefunden.
Diese Möglichkeit steht jedem Menschen offen.
Egal wie viele Zweifel du hast,
egal wie chaotisch gerade deine Lage ist und wie hoch die Wellen sind:

Du kannst dich bei Gott bergen und so zu einer Stadt Gottes werden, die auch im größten Chaos noch fein lustig bleibt.

Amen.