Predigt, 28.2.2021               T-Barmherzigkeit 2

Liebe Geschwister!


„Werdet barmherzig wie euer Vater barmherzig ist!“
Beim ersten Teil unserer Predigtreihe zu dieser Jahreslosung sind wir der Frage nachgegangen:
Was ist das überhaupt: barmherzig sein?
Wir haben gesehen: Barmherzigkeit bedeutet, dass ein Schmerz, eine Not, die ich bei anderen sehe, mein eigenes Herz berührt. Dass ich das mitfühle und nachempfinde.

Wir haben auch gesehen, dass Gott uns mit dieser Gabe ausgestattet hat, mit wunderbaren Spiegelneuronen, die uns befähigen, uns in andere einzufühlen, empathisch zu sein. Das ist ein großartiges Geschenk Gottes an uns Menschen.

Wir haben alle diese Ausstattung zur Barmherzigkeit, haben das Potenzial. Und trotzdem gibt es Unterschiede, wie Jesus das im Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt: Manche Menschen sehen eine Not und bleiben ungerührt und gehen daran vorbei, und andere sehen sie und empfinden Mitleid und packen an.

Warum ist das so?
Und auch bei uns selber:
Warum bin ich manchmal empfindsam und spüre den Schmerz anderer und manchmal ist mein Herz so hart und empfindet kaum etwas??
Dieser Frage gehen wir heute nach.

Wir können barmherzig sein. Aber unser Herz kann auch hart werden. Unsere Barmherzigkeit kann blockiert werden.

Es gibt eine ganze Reihe von möglichen Blockaden. Und diese Blockaden sind wie solche Ziegelsteine. Sie legen sich um unser Herz und lassen die Not anderer nicht mehr an uns heran.

Ich möchte Ihnen vier Blockaden einmal vorstellen.

1. Überreizung
Wir leben in einer Gesellschaft chronischer Überreizung. Ständig werden wir konfrontiert mit Bildern, Videoclips, Filmen. Und alle wollen unsere Aufmerksamkeit. Die Werbeindustrie investiert Milliarden, um unsere Emotionen anzusprechen. Alle Medien versuchen mit allen Kniffen, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. In den Nachrichten sehen wir jeden Tag Bilder, die uns Leid und Gewalt und Ungerechtigkeit vor die Augen stellen. Wir sehen diese Bilder auf unseren Handys und Laptops und abends vor dem Fernseher. Wir werden geflutet mit Reizen, die alle unser Herz erreichen wollen.

Wer überflutet wird, baut Dämme.
Wenn wir zu vielen Reizen ausgesetzt sind, dann überfordert uns das. Es überfordert unsere emotionalen Reserven. Da brennen wir aus. Und darum bauen wir Mauern um unser Herz. Wir blocken das ab und schützen uns damit. Das passiert ganz automatisch.

Überreizung führt zu einer Blockade und verhindert Barmherzigkeit.

Der einzige Weg, aus der Überreizung herauszukommen, ist eine bewusste Reizreduzierung. Ein bewusstes Weniger an Bildern und Medien.
Die Fastenzeit jetzt könnte eine Gelegenheit dazu sein. Da könnte man doch mal Zeiten mit Instagram oder snapchat oder Fernsehen einschränken. Mediale Reize runterfahren. Und statt dessen in den Wald gehen. Etwas lange anschauen, einen Vogel beobachten, einen Baum betrachten. Den eigenen Sinnen Ruhe gönnen. Kontemplative Momente in den Alltag einbauen.

Das braucht Übung. Es ist nicht einfach. Aber es ist möglich. Wir können aus der Überreizung aussteigen.
Diese Blockade kann sich lösen. Unsere Mauern können wieder durchlässiger werden und unser Herz wieder empfindsamer.

Eine zweite Blockade:

2. Selbstbeschauung
Sie kennen bestimmt die Geschichte von Narziss, diesem Jüngling aus der griechischen Mythologie: Der sieht auf eine Wasseroberfläche, sieht darin sein eigenes Spiegelbild und verliebt sich in dieses Spiegelbild.

Ein Narzisst ist jemand, der sich selbst beschaut. Er ist von lauter Spiegeln umgeben und darum sieht er in allem immer nur sich selbst.
Es gab mal einen Präsidenten in den USA, der im Januar abgewählt worden ist. Da sah man den Narzissmus in Reinform. Der sah in allem, was er tat, immer nur sich selbst!
Zum Glück ist keiner von uns so.
Aber in jedem von uns steckt ein kleiner Schuss Narzissmus. Das gehört zur Grundbefindlichkeit des Menschen. Und zu unserem Grundproblem.

Martin Luther hat einmal gesagt: Der Mensch ist in sich selbst verkrümmt, „incurvatus in se ipsum“. Auf sich selbst bezogen, sieht immer nur in Spiegel. Unser Herz – ein Spiegelsaal.

Ich glaube, das war auch das Problem, das die Pharisäer hatten, über die Jesus so traurig und zornig war. Wir haben das vorhin in der Lesung Markus 3, 1-6 gehört. Ihr Herz ist hart, weil sie ganz mit sich selbst beschäftigt sind. Ihr ganzes Denken kreist um ihre eigene Gerechtigkeit, wie gut sie sind, wie fromm, wie genau sie die Gebote einhalten und wie wichtig das ist, dass alle anderen es genau so machen wie sie. Und darum ärgern sie sich über Jesus, über seine Kritik. Sie sind in ihrem Stolz gekränkt und deshalb wollen sie ihn aus dem Weg schaffen. Der Kranke in der Synagoge, sein Leid – das ist ihnen ganz egal. Sie sind umgeben von lauter Spiegeln.

Selbstbeschauung blockiert Barmherzigkeit.
Das Seltsame ist: Man kann sich für andere engagieren, kann sich um Flüchtlinge kümmern oder Obdachlosen Essen bringen und trotzdem dabei ständig diese Spiegel haben: Wie wirkt das jetzt auf andere, was ich hier tue? Wie kommt das an? Und man freut sich, wenn es Fotos gibt, auf denen gesehen wird, wie toll man sich da engagiert und ist beleidigt, wenn das eigene Engagement nicht gewürdigt wird.

Selbstbeschauung blockiert Barmherzigkeit.
Natürlich ist es wichtig, dass man sich selbst reflektiert und auch an die eigenen Bedürfnisse denkt. Aber das ist etwas anderes als dieses chronische Drehen um das eigene Ich.

Wer immer nur sich selbst sieht, kann nicht mehr sehen, was andere brauchen, kann sich nicht mehr in andere hineinfühlen. Der barmherzige Blick ist blockiert. Das Herz ist verschlossen.

Diese Blockade lässt sich nicht so einfach lösen. Wir werden nächste Woche sehen, was uns da weiterhelfen kann.

Die dritte Blockade:

3. Angst

Wenn eine Schnecke eine Gefahr spürt, dann zieht sie sich sofort in ihr Schneckenhaus zurück.
Wenn eine Schildkröte eine Bedrohung spürt, dann geht sie unter ihren Panzer, um sich zu schützen.
Und wir Menschen machen es genau so.

Wenn wir Angst haben, dann schützen wir uns. Natürlich rennen wir nicht gleich nach Hause und verkriechen uns unter der Bettdecke. Aber wir machen innerlich dicht. Wir gehen innerlich in Deckung. Da kommen uralte Muster hoch. Wir stellen uns auf Verteidigung ein oder auf Flucht. Wir gehen in einen Modus des Selbstschutzes.

Und in diesem Modus des Selbstschutzes – da ist keine Barmherzigkeit möglich. Da ist das Mitgefühl eingesperrt.

Der Apostel Johannes schreibt einmal in einem Brief:
„Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die Liebe treibt die Furcht aus.“
Das ist wahr. Es gilt aber leider auch das Umgekehrte: Die Angst treibt die Liebe aus.
Angst und Liebe – das schließt sich gegenseitig aus wie Dunkelheit und Licht.

Stellen Sie sich vor: Ein Mann kommt an deine Haustür und bittet um Geld. Er sieht ziemlich heruntergekommen aus. Du bist allein zu Hause. Jetzt kann das Mitgefühl hochkommen: Der Arme! Dem geht’s ja wohl wirklich schlecht. Ich hab so viel und kann dem doch etwas abgeben.
Es kann aber auch die Angst hochkommen: O weh! Das ist vielleicht ein Betrüger! Oder schlimmer: Der will hier eindringen und mich berauben. Und sofort, sobald diese Angst hochkommt, ist alles Mitgefühl wie weggeblasen.

Ein anderes Beispiel: Ich bin unterwegs zu einem Termin und ich schaue auf die Uhr und merke: Oh, ich bin schon spät dran! Dann kommen Angstgefühle hoch und Stress. Und dann nehme ich gar nicht mehr die alte Dame wahr, die da eine schwere Tasche trägt und eigentlich meine Hilfe bräuchte.

Angst und Stress machen unser Herz eng und blockieren alles Mitgefühl.

Wir können in einer bestimmten Situation nur dann barmherzig agieren, wenn wir unsere Angst besiegen, wenn wir sie abgeben.

Die vierte Blockade:

4. Verletzungen

Jeder von uns trägt seelische Verletzung mit sich herum: Kränkungen, Enttäuschungen, Ungerechtigkeiten, schlimme Worte, die uns gesagt wurden, körperlicher Schmerz, der uns zugefügt wurde.

Solche Verletzungen und Wunden machen unser Herz hart. Das gilt ganz besonders da, wo wir von anderen Mitgefühl erwartet haben und auch gebraucht hätten, aber abgewiesen wurden.

Ein Kind fällt hin und schlägt sich das Knie auf. Und es rennt zur Mama und weint und bräuchte jetzt Mitgefühl und Trost. Aber statt dessen sagt seine Mutter nur: „Ach, stell dich nicht so an! Das ist doch nicht so schlimm.“
So eine Erfahrung verhärtet uns. Wenn man das öfters erlebt, dann wird man innerlich hart. Man kann kein Mitgefühl von anderen erwarten und baut Mauern um sich und schützt die eigene Seele. Man wird aber auch unfähig, anderen Mitgefühl zu zeigen.

Ich kenne eine Frau, die bekommt eine ganz mickrige Rente. Ihr Partner ist tot. Sie selbst hat nie etwas eingezahlt. Und von dem, was sie bekommt, kann sie kaum leben. Die beiden Söhne wohnen weit weg und kümmern sich nicht. Einmal hat sie ihren Stolz überwunden und ihre Söhne gefragt, ob sie ihr etwas geben können. Sie wurde abgewiesen. Und sie hat sich geschworen: Die frage ich nie mehr um Hilfe. Lieber verhungere ich.

Es gibt solche inneren Schwüre: Das passiert mir nicht noch einmal. So lasse ich mich nie mehr behandeln. Mit dem rede ich kein Wort mehr.

Da sind tiefe Verletzungen passiert. Und nun bauen wir Mauern um unser Herz. Wir legen uns einen Panzer an, damit wir nicht noch einmal so verletzt werden. Wir schützen uns.

Aber diese Mauern blockieren unsere Empathie.
Wer solche Mauern um sein Herz hat, kann nicht mehr richtig mitfühlen, was andere fühlen. Das Herz geht nicht mehr auf und unsere Barmherzigkeit wird blockiert.

Überreizung – Selbstbeschauung – Angst – Verletzungen.

Bei solchen Mauern helfen keine Appelle:
Sei doch mal ein bisschen barmherziger!
Das prallt einfach ab.

Diese Mauern lassen sich nur von innen her öffnen.
Manchmal sind sie so dick und hart, dass man sie alleine nicht wegbekommt. Da braucht man vielleicht Hilfe.
Ein seelsorgerliches Gespräch, wo man manches aussprechen kann.
Vielleicht eine Beichte, in der man dunkle Sachen bei Gott ablegt und loslässt.
Vielleicht ist auch therapeutische Hilfe angesagt.

Aber keine Mauer muss ewig bleiben.
Solche Mauern können sich öffnen. Können allmählich durchlässiger werden.

Nächste Woche werden wir zu einem ganz entscheidenden Punkt kommen. Da werden wir entdecken können, wie Gottes Barmherzigkeit unser Herz neu berühren und diese Mauern von innen her überwinden kann.

„Werdet barmherzig wie euer Vater barmherzig ist!“ Das ist kein platter Appell, sondern eine Verheißung:

Du kannst Dich von Gottes Liebe anstecken lassen und barmherzig werden - wie dein Vater im Himmel!

Amen.