Predigt, 7.2.2021                Lk. 4, 4-8 (Sämann)

Liebe Geschwister,

jetzt ist Karnevalszeit, auf dem Kalender zumindest. Eigentlich wäre heute der Ippendorfer Zug dran gewesen. Das entfällt nun.
Aber passend zu Karneval eine Preisfrage:
Was hat Jesus mit einem Karnevalsprinzen gemeinsam? …

Beide teilen großzügig aus.
Wie die Karnevalsprinzen auf den Umzügen von ihrem Wagen großzügig die Bonbons und Süßigkeiten auswerfen, mit vollen Händen, so streut Jesus großzügig unter die Leute aus!

Er streut aus. Keine Kamellen, sondern Gottes Worte!
Großzügig. Im hohen Bogen. Ohne zu Knausern. Ohne Leute auszulassen. Alle sollen Gottes Worte bekommen.

Der Prinz und Jesus, die teilen unterschiedslos aus.
Aber wenn man sich so einen Karnevalszug anschaut, dann sieht man, dass die Reaktion der Leute sehr unterschiedlich ist:
Manche sammeln eifrig alles auf, was da geworfen wird. Die strecken sich sogar nach dem kleinsten Bonbon.

Andere stehen eher lässig und schnappen sich nur, was ihnen gerade in die Hand fällt.

Und anderen ist das alles zu blöd. Die haben die Hände in die Tasche gesteckt und kriegen gar nichts ab.
Genau so bei Jesus: Der teilt Gottes Worte unterschiedslos und großzügig aus. Aber die Menschen reagieren ganz unterschiedlich.

Jesus hat einmal eine Geschichte erzählt. Wir haben sie gerade in der Lesung gehört. Das Gleichnis vom Sämann.

Jesus war ja ein großartiger Geschichtenerzähler. In ganz einfachen Geschichten konnte er ganz tiefe Wahrheiten verstecken. In diesem Gleichnis vom Sämann beschreibt er, was damals jeder Bauer jedes Jahr erlebte. Ganz normal.
Und gleichzeitig macht er damit auf einer tieferen Ebene deutlich, was er selbst tut und was seine Zuhörer gerade erleben.

Da ist also ein Bauer, der sät. Er läuft über sein Feld, ein großer Beutel mit Samenkörnern über der Schulter. Er steckt nicht die einzelnen Samenkörner in die Erde, sondern wirft mit großen, geübten Schwüngen den Samen aus. Unterschiedslos auf das ganze Feld.

Dabei fällt ein Teil des Samens auf den Trampelpfad, wo der Boden ganz hart ist. Der Same kann nicht eindringen und die Vögel picken ihn auf.
Es gibt Stellen auf dem Feld, da ist die Erdkrume ganz dünn, direkt darunter der Fels. Der Same geht auf, aber kann keine Wurzeln schlagen und verdorrt.
An ein paar Stellen wachsen Dornen. Die wachsen schnell und ersticken das Getreide. Aber natürlich gibt es auch viele Stellen, wo gute Erde ist. Da wächst das Getreide auf und bringt enorm viel Frucht.

Die Jünger von Jesus hören die Geschichte, aber sie verstehen sie nicht. Jesus, fragen sie ihn nachher, kannst Du uns mal erklären, was das soll? Was willst Du uns denn damit sagen??

Und Jesus erklärt es ihnen. Das steht dann in den folgenden Versen. Er sagt: Ich bin wie der Sämann. Ich teile Gottes Worte an die Menschen aus.
Worte von Gott sind wie ein Samenkorn. Die haben Potenzial. Die können Leben verändern.
Ich teile Gottes Worte an alle aus. Großzügig und unterschiedslos. Alle sollen es hören!

Aber nicht alle reagieren gleich auf meine Worte! Nicht bei allen kommen Gottes Worte auch ans Ziel. Ob Gottes Worte bei den Menschen etwas bewirken, hängt davon ab, wie sie es aufnehmen.

Und dann beschreibt Jesus vier verschiedene Sorten von Menschen. Vier verschiedene Reaktionen. Vier unterschiedliche Ergebnisse.

Gehen wir das einmal durch.

(Flipchart-Zeichnung)

Einmal fällt also der Same auf den Trampelpfad und kann nicht eindringen. Die Erde ist festgetreten und hart.

Manche Menschen sind so, sagt Jesus. Sie sind hart geworden. Harte Herzen, wo nichts eindringen kann.

Ich lese gerade ein Buch von dem Soziologen Hartmut Rosa, „Resonanz“. Ein ganz tolles, inspirierendes Buch.
Rosa sagt: Ein gutes Leben, ein erfülltes Leben ist ein Leben, das von Resonanz geprägt ist, wo zwischen Menschen Schwingungen sind. Wo etwas von mir ausgeht, was bei anderen ankommt und umgekehrt.

Und er sagt: So eine heilsame Resonanz wird verhindert durch Verhärtung. Wenn Menschen ihr Herz hart machen, kann nichts mehr ankommen und auch nichts mehr ausgehen. Dann schwingt das Leben nicht mehr, sondern erstarrt.

Das gilt für die Beziehungen zwischen Menschen. Es gilt aber auch für die Beziehung zu Gott. Auch da gibt es Verhärtungen, die eine Resonanz verhindern.
Gottes Impulse, seine Botschaft kann nicht eindringen, weil das Herz hart ist.

Und das ist nicht nur bei Atheisten so oder bei Leuten, die den Glauben ablehnen. Auch unser eigenes Herz kann hart werden, auch wenn man selber Christ ist. Man gewöhnt sich an Jesus, an die Bibel. Wenn man eine Predigt hört, hat man das Gefühl: Das kenne ich ja schon. Habe ich ja schon zwanzig mal gehört. Und dann dringen diese Worte von Gott nicht mehr richtig ein. Sie berühren mich nicht und entfalten sich nicht in mir und können nichts mehr in mir verändern.

Hart wie ein Trampelpfad, so kann das Herz sein.

Und dann ist da auf dem Acker ein Bereich mit dünner Erde. Unter der flachen Erdschicht ist gleich der Fels.
Es gibt Menschen, sagt Jesus, die sind so. Da können die Worte von Gott eindringen und es geht sofort auf. Es sind Menschen, die sich schnell begeistern lassen, aber keine Tiefe haben.

Das gibt es auch heute. Menschen, die sich schnell begeistern lassen. Sie erleben etwas Schönes in der Kirche, eine tolle Freizeit, ein Konzert, einen Kirchentag oder einen besonderen Gottesdienst und fnden das klasse! Die Atmosphäre berührt sie, das fühlt sich gut an.  Da entsteht so etwas wie ein Sympathie-Christsein. Aber es bleibt oberflächlich. Da wachsen keine Wurzeln, keine tiefen Überzeugungen.
Und wenn dann in der Gemeinde Streit aufkommt oder der Pfarrer etwas Doofes macht oder wenn Freunde einen wegen Gott auslachen, dann kippt die Stimmung ganz schnell. Und das bisschen, was da an Glauben gewachsen ist, das geht ganz schnell wieder ein.

Es gibt eine dritte Sorte von Menschen:
Es gibt Menschen, die nehmen Gottes Worte tief in sich auf. Sie kommen zum Glauben, und dieser Glaube wächst und verändert sie.
Aber daneben wachsen die Dornen auf und werden immer größer.
Es gibt im Leben dieser Menschen so viele andere Dinge, die das Herz ausfüllen und den Glauben ersticken.

Damit meint Jesus nicht, dass wir ja alle so viel zu tun haben und keine Zeit mehr haben. Die Disteln sind nicht dein Beruf oder die Familie oder andere Aufgaben.

Jesus sagt in seiner Erklärung zum Gleichnis: Es sind drei Dinge, die den Glauben ersticken:
Es sind „die Sorgen, der Reichtum und die Gier“. 

Die Dornen sind also die Sachen, die unsere Fantasie in Beschlag nehmen, unsere Tagträume. Sorgen, Wünsche, Begierden. Es sind die Sachen, die unsere Aufmerksamkeit immer wieder wie ein Magnet auf sich ziehen, um die wir mit unseren Gedanken immer und immer wieder kreisen. Die unsere Ambitionen wecken und unsere Kräfte binden.

Sorgen und Begierden sind wie Dornen. Die wuchern. Die wachsen immer weiter und füllen alles aus. Und so ersticken sie den Glauben. Es ist kein Raum mehr da, über Gott nachzudenken. Wenn die Sorgen und Wünsche deine Fantasien füllen, dann ist kein Platz mehr frei, um nach Gottes Wünschen und Gottes Sorgen zu fragen. Die Liebe zu Gott und den Menschen kann sich nicht entfalten. Es wird alles erstickt und keine Frucht, keine Lebensveränderung passiert.


Und dann gibt es das gute Land.
Das sind Menschen, wo Gottes Worte ungehindert eindringen und Wurzeln schlagen. Wo der Glaube in die Tiefe geht, sich entfaltet und wo Früchte wachsen. Das Leben verändert sich. Gottes Liebe, Gottes Wahrheit wirkt sich aus in ihrem Leben in ganz vielfältiger Weise.

Vier verschiedene Böden, auf die der Same fällt.
Vier verschiedene Herzenszustände, auf die Gottes Worte fallen.

Wie ist das bei Ihnen, bei Dir?
Wo findest Du Dich wieder? Wie sieht Dein Herz aus?
Ein Trampelpfad? Dünne Erdschicht? Dornen oder gutes Land?

Wenn wir uns da irgendwo wiederfinden – was machen wir damit?
Der Ackerboden kann sich nicht ändern. Der kann keine tiefere Erdschicht produzieren und auch nicht seine Dornen rausreißen.

Wie ist das denn bei uns? Können wir unsere Herzensbeschaffenheit verändern? Kann ein Mensch, der gegenüber Gott hart ist oder oberflächlich, sagen: Jetzt bin ich aufnahmebereit? Jetzt werde ich ein Tiefgänger?

So einfach geht das natürlich nicht. Wir können keine OP am eigenen Herzen durchführen.

Aber was wir können, ist, dass wir uns selbst gegenübertreten. Kein anderes Lebewesen auf der Erde ist dazu fähig, nur wir Menschen. Wir können uns selber anschauen und sehen: Aha, so und so bin ich. So reagiere ich. So ist mein Herz. Ich bin wie dieser oder jener Ackerteil.

Und dann, wenn wir uns so selbst gegenübertreten und uns anschauen, können wir noch einen Schritt weitergehen:
Ich möchte anders werden. Ich möchte mich einlassen auf Gottes Worte, möchte dem mehr Raum geben.

Damit fängt alles an, dass wir Entscheidungen treffen. Dass wir mit unserem Willen eine Weichenstellung vornehmen.
Und dass wir dann Gott bewusst hineinlassen in unser Wollen und Tun und ihn bitten, wie wir das vorhin in einer Liedstrophe gesungen haben: „Mache mich zum guten Lande, wenn dein Samkorn auf mich fällt!“
Wir halten unser Herz also Gott hin, damit er an uns wirkt.

So ist Veränderung möglich. So können wir Offenheit einüben, Tiefe gewinnen, Freiraum für Gottes Worte.
Und so kann sich dann Gott immer mehr in unserem Leben entfalten und auswirken.


Vor ein paar Jahren bekam ich eine Einladung aus meiner früheren Vikariatsgemeinde in Wermelskirchen. Eine Einladung von Armin. Völlig überraschend.
Armin war, als ich da Vikar war, noch ein Jugendlicher. Er war als Konfirmand der Schrecken aller Pfarrer gewesen. Ein totaler Chaot, der nur Mist im Kopf hatte und alle zur Verzweiflung trieb. Und alle sagten (und hofften): Wenn der Armin endlich konfirmiert ist, dann ist der weg. Dann ist das Kapitel Jesus und Kirche für den für immer vorbei. Bei dem ist ja absolut nichts eingedrungen. Harter Boden.

Aber es kam anders. Nach der Konfirmation ging Armin zum Jugendkreis der Gemeinde. Er mischte die Gruppe ziemlich auf, brachte Stimmung ein – und fing an, von Jesus zu reden, die Bibel zu lesen, zu beten.
Alle sagten: Ach, der Armin! Das ist mal gerade ne Mode. In ein paar Wochen ist der wieder verschwunden. Der ist nur so ein Stimmungschrist. Dünne Erdschicht.

Doch Armin blieb, übernahm mehr und mehr Verantwortung, machte Bibelarbeiten. Machte missionarische Einsätze. War total im Feuer für Jesus.

Alle dachten: Ach, wenn der erst mal die Schule rum hat und schaffen muss, wenn der erst mal ne Freundin hat, dann wird der wieder normal. Dann wird das mit der vielen Beterei und dem Missionieren schon von ganz alleine aufhören. Man hört doch schon die Dornen rascheln.

Aber so war es nicht. Armin machte seine Lehre und versteckte sein Christsein vor den Arbeitskollegen nicht. Er fand eine nette Freundin, die auch Jesus nachfolgte. Sie haben geheiratet, haben jetzt eine Familie und engagieren sich weiter für Gottes Reich und bringen da eine Menge Frucht.

Und dann kam diese Einladung. Ich wurde eingeladen zu Armins Ordination. Er hatte eine Ausbildung als Prädikant gemacht. Der jüngste Prädikant in der Wermelskirchener Gemeinde. Ich fuhr natürlich dahin. Die große Stadtkirche war voll. Es war ein superschöner Gottesdienst. Armin ganz typisch, wie er immer war: Etwas chaotisch, witzig, frech und doch mit ganz viel tiefer, echter Liebe zu Jesus. Und wissen Sie, worüber er gepredigt hat?

Über das Gleichnis vom Sämann und dem vierfachen Acker!

Amen.