Predigt, 10.8.2025 Thema: Selbstgespräche

10.8.2025

J.Berewinkel

Liebe Gemeinde, in den letzten Wochen habe ich mich intensiver mit Psalm 104 beschäftigt. Der beginnt mit den Worten: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ So beginnt ...

Liebe Gemeinde,

in den letzten Wochen habe ich mich intensiver mit Psalm 104 beschäftigt. Der beginnt mit den Worten: „Lobe den Herrn, meine Seele!“

So beginnt auch der Psalm davor, Psalm 103:

Lobe den Herrn, meine Seele!

Den Satz haben viele von uns schon oft gehört. Mir wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass das ja ein Selbstgespräch ist. Der Psalmschreiber spricht die eigene Seele an!

Die meisten Psalmen sind Gebete. Da spricht jemand Gott an.

Aber hier – ein Gespräch mit sich selbst.

Wir führen alle hin und wieder Selbstgespräche.

Meist passiert das unbewusst. Und meist nur in Gedanken.

Solche gedanklichen Selbstgespräche können ziemlich destruktiv sein.

Das kenne ich von mir:
Oh nein, du Schussel! Wo hast du denn jetzt den Schlüssel hingelegt?!

Ach, warum hast du denn jetzt so blöd reagiert!

Ach nein, das schaffst du nie!

Kennt Ihr das? Solche negativen Selbstgespräche, wo man mit sich schimpft und zetert und diskutiert?

Man kann da in so richtige gedankliche Strudel hineingeraten. Da drehen wir uns im Kreis, immer die gleichen Vorwürfe und ziehen uns selbst runter. Die Stimmung wird mies, und wir fühlen uns richtig schlecht. Ich glaube, das erleben wir alle manchmal.

In den Psalmen finden wir Selbstgespräche einer anderen Art. Es sind heilsame Gespräche mit der eigenen Seele. Gespräche, die uns hochziehen und aufbauen.

Ich möchte mir drei Psalmverse mit euch anschauen.

Psalm 43, 5

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

Wir haben diesen Psalm vorhin gemeinsam gesprochen. Der Psalm ist ein Klagepsalm.

Da klagt jemand vor Gott sein Leid.

Es gibt Menschen in seinem Umfeld, die richtig fies sind, die ihm Böses wollen. Er ist in Gefahr.

Und seine Seele ist voller Unruhe. Wörtlich: Sie tost, ist aufgewühlt wie ein tosendes Meer im Sturm.

Lauter schreckliche Gedanken durchzucken ihn. Angst, Panik.

Der Psalm 43 gehört zusammen mit dem Psalm davor, Psalm 42. Die bilden eigentlich eine Einheit. Und da, in Psalm 42, kommen mehrmals dieselben Worte vor. Das ist wie ein Refrain. Immer die Klage vor Gott, wie schlimm die Situation gerade ist. Und dann dieses Gespräch mit der eigenen Seele:

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

So spricht der Psalmbeter die eigene Seele an. Und „Seele“ bedeutet in der Bibel nicht einen bestimmten Teil von mir, nicht die Gefühle oder irgendwas Nebulöses in mir. Sondern „Seele“ ist das gleiche wie Person. Das bin Ich. Mein Innenleben. Ich als lebendiger Mensch.

Was passiert da eigentlich in diesem Selbstgespräch?

Dieser Mensch tritt da aus sich heraus und stellt sich sich selbst gegenüber.

Wir Menschen sind wahrscheinlich die einzigen Geschöpfe im Universum, die das können: Wir können uns von uns selbst distanzieren, aus uns heraustreten und uns gleichsam von außen beobachten.

Das ist doch interessant, oder?

Es ist auch psychologisch hochinteressant, was da passiert. Wer redet da eigentlich mit wem?

In der Transaktionsanalyse würde man vielleicht sagen: Hier spricht das Erwachsenen-Ich mit dem Kind-Ich. Der reife Mensch in uns spricht mit dem ängstlichen Kind, das wir ja immer auch in uns tragen. Oder das Glaubens-Ich mit dem Zweifel-Ich.

Oder wie würdet Ihr das beschreiben?

Jedenfalls beobachtet da jemand sich selbst, schaut hin und sieht: Meine Seele ist betrübt und unruhig. Er beobachtet die Gedanken, die ihn durchzucken und die Gefühle, die er empfindet und fragt sich selbst: Warum bist du gerade so drauf? Warum bist du eigentlich so unruhig??

Und dann kommt ein Aufruf, ein Appell an die Seele:
Harre auf Gott! Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist!

Also: Gib dich nicht deinen wirren Gedankenspielen und deinen ängstlichen Phantasien hin, sondern harre auf Gott! Und das heißt: Halte dich an Gott fest!

Er ist ja da. Er ist dein fester Halt, und er wird dir helfen.

Du wirst es sehen! Warte nur ab: Du wirst ihm noch danken für seine Hilfe!

Der Psalmschreiber setzt also seiner Unruhe, seiner Panik etwas entgegen. Er stellt eine Wahrheit gegen seine akuten Gefühle! Und er tut das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Drei Mal im ganzen Psalm. Immer wenn die Unruhe hochsteigt – ein Wort dagegen.

Anselm Grün hat mal ein sehr schönes Büchlein geschrieben mit dem Titel „Einreden“. Es ist eines seiner ersten Bücher. Da beschreibt er, wie die Wüstenväter es ganz ähnlich gemacht haben wie unser Psalmschreiber.

Die Wüstenväter – das waren ja die ersten Mönche, die ganz allein in der Wüste lebten und in der Einsamkeit tiefe Selbsterkenntnisse gewonnen hatten.

Die haben da in der Wüste die sogenannte „antirrhetische Methode“ entwickelt.

Wenn bei ihnen ein negativer Gedanke aufkam, dann haben sie nicht versucht, diesen Gedanken einfach zu unterdrücken, sondern haben einen positiven Gedanken dagegen gestellt. Sozusagen ein „Widerwort“ gegeben.

Und so macht es der Psalmschreiber: Gegen die Angst und Unruhe: Harre auf Gott! Ich werde ihm noch danken!

Was macht dir gerade Angst? Was beunruhigt dich im Moment? …

Dann kannst du deinen Ängsten auch dieses Wort entgegenstellen und es dir selbst zusagen: Warum hast du eigentlich Angst? Harre auf Gott! Er ist da.

Ein ähnliches Selbstgespräch finden wir in Psalm 116.

Da sagt der Psalmschreiber:

Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Gutes!“

Manchmal ist es nicht die Angst, die uns quält, sondern Unzufriedenheit: Mit der Arbeit oder bestimmten Beziehungen oder der Freizeitgestaltung oder dem Wetter.

Und auch da gibt es diese destruktiven Selbstgespräche mit denen wir uns runterziehen oder einfach eine diffuse negative Stimmung. Wir wissen vielleicht gar nicht warum, aber wir sind einfach schlecht drauf.

Der Psalmschreiber scheint das auch zu kennen.

Er tritt wieder aus sich heraus. Schaut sich von außen an, nimmt wahr wie es ihm geht. Und dann spricht er zu sich selbst:

Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Gutes!

Er appelliert also nicht nur (los, Seele, sei mal endlich zufrieden!), sondern er liefert auch einen Grund, warum er zufrieden sein kann: Der Herr tut dir Gutes!

Wenn wir unzufrieden sind, dann ist unser Fokus auf das gerichtet, was uns fehlt, was ungut ist. Und jetzt sagt der Psalmist der eigenen Seele: Schau mal in eine andere Richtung! Schau mal, wie viel Gutes Gott dir gibt! Und wenn wir das machen, werden wir schnell manches entdecken.

Überleg mal, was Gott dir heute schon Gutes getan hat: Schlaf in der Nacht, Kraft zum Aufstehen, Frühstück, Sonnenschein, nette Leute um dich herum. Frieden und Freiheit. Herrlicher Wald und frische Luft. Fang mal an, aufzuzählen, was Gott dir Gutes tut. Nenne auch mal die Sachen, die so selbstverständlich sind: Unsere Lunge, unser Herz, unsere Sinne. Menschen, die uns mögen…

Und du wirst merken, dass sich die Unzufriedenheit auflöst wie der Dunst über dem Rhein an einem Sommermorgen.

Aber diese Veränderung des Fokusses, die passiert nicht einfach von allein. Da braucht es so ein Selbstgespräch, wo wir unseren diffusen Gefühlen bewusst etwas entgegenstellen. Uns selbst ein heilsames Wort sagen.

Es gibt übrigens psychologische Studien, in denen nachgewiesen wird, dass Selbstgespräche tatsächlich eine positive Wirkung haben können. Es wurden da Tests gemacht, was die gedankliche Klarheit angeht und die Selbstmotivation. Und in beiden Feldern war es so, dass die, die bewusst mit sich selbst gesprochen haben, besser abschnitten. Selbstgespräche halfen, die eigenen Gedanken besser zu strukturieren und so Klarheit zu kriegen, und sie halfen, sich selbst zu motivieren.

Selbstgespräche wirken also.

Und nun noch ein drittes Selbstgespräch. Das hatte ich schon am Anfang zitiert. Aus Psalm 103:

Lobe den Herrn, meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Auch hier geht es um das Gute, das Gott tut: Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat!

Der Psalmschreiber weiß offensichtlich, wie schnell das passiert. Und darum fordert er sich selber auf: Denke an das Gute, das dir geschenkt wird.

Aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern er fordert sich auf, die Konsequenz daraus zu ziehen:
Lobe den Herrn, meine Seele!

Weil Gott dir Gutes tun, darum lobe ihn!

Sprich deinen Dank aus! Fass ihn in Worte!

Hier wird übrigens noch ein interessanter Aspekt angesprochen. Es geht um das Verhältnis von Selbstgespräch und Gottesgespräch.

In den Psalmen sind Selbstgespräch und das Gespräch mit Gott immer miteinander verbunden: Hier in Psalm 103 und Psalm 104 beginnt der Psalmschreiber mit dem Selbstgespräch (Lobe den Herrn, meine Seele) und dann fängt er an, das auch zu tun: Gott zu loben. Das Selbstgespräch mündet in das Gottesgespräch.

In Psalm 43 spricht der Psalmist erst mit Gott und dann, am Ende, mit sich selbst.

In Psalm 116 ist es ein Wechsel aus Gebet und Selbstgespräch.

Wichtig ist: Die Psalmisten bleiben nie in der Selbstreflektion stecken, sondern aus dem Selbstgespräch erwächst das Gespräch mit Gott.

Es gibt manche Menschen, denen fällt es schwer zu beten. Sie reflektieren. Sie fühlen vielleicht auch Dankbarkeit. Aber der Sprung hin zum Gebet – direkt Gott ansprechen – der ist für sie groß.

Die Psalmen zeigen uns, wie aus der Selbstreflexion ein Gebet erwachsen kann, und sie können Dich motivieren, auch diesen Sprung zu wagen und mit Gott zu sprechen.

Und umgekehrt zeigen sie uns, dass zum Gebet immer auch die Selbstreflexion gehört. Gebet kann leicht zum gedankenlosen Plappern werden. Manchmal ist es gut, dieses Gebetsplappern bewusst zu unterbrechen und sich von außen anzuschauen: Was machst Du denn da? Plapper doch nicht drauf los! Jammer auch nicht nur herum vor Gott, sondern überlege, was du Gott sagen willst!

Drei Selbstgespräche in der Bibel. Solche Selbstgespräche können heilsam sein.

Sie können uns helfen, unsere Ängste und Unzufriedenheit abzulegen, unser Vertrauen auf Gott zu setzen und uns an das Gute zu erinnern, das er uns tut.

Im Selbstgespräch können wir uns motivieren, unser Leben in einem anderen Licht zu sehen und das zu tun, was richtig und gut ist.

Von daher – nehmen Sie sich Zeit, mal wieder mit Ihrer eigenen Seele ins Gespräch zu gehen und so für sich selbst zu sorgen!

Und der Friede Gottes, der alle Vernunft übersteigt, bewahre eure Herzen und Gedanken in Jesus Christus.

Amen.