Ihr Lieben,
ich habe Euch etwas mitgebracht:
Kennt Ihr das?
Ein Überraschungsei!
Kinder lieben das. Nicht nur wegen der Schokolade außen und dem netten Spielzeug innen, sondern vor allem wegen der Überraschung. Man weiß eben nicht, was drin ist.
Der Predigttext für diesen Sonntag ist wie so ein Überraschungsei.
Er enthält aber nicht nur eine Überraschung, sondern gleich mehrere.
Lesung Mt. 25, 31-46 von Judith Bonnet
Was Jesus hier sagt, steckt voller Überraschungen.
Die erste Überraschung:
1. Es wird eines Tages ein Gericht stattfinden!
Das macht Jesus sehr deutlich; hier und an vielen anderen Stellen in der Bibel:
Eines Tages werden sich alle Menschen vor Gott verantworten müssen für das, was sie in ihrem Leben getan haben.
Das wird für viele Menschen eine Überraschung sein.
Viele denken ja: Mit dem Tod ist es vorbei. Da verlösche ich. Ich werde zu Staub und mach mich damit aus dem Staub.
Aber Jesus sagt: Nein! Jeder von uns wird vor Gott Rechenschaft ablegen.
Und das ist eine gute Nachricht!
Wie schlimm wäre es, wenn das nicht so wäre!
Ich weiß: Mit dem Jüngsten Gericht ist in der Kirchengeschichte viel Schindluder getrieben worden.
Menschen wurde Angst gemacht mit der Hölle.
Da wurde Druck ausgeübt, und es wurde manipuliert.
Das ist schlimm.
Aber – wenn es kein Gericht geben würde – das wäre ganz schlimm.
Gerade findet ja der Prozess gegen den Amokfahrer auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg statt:
6 Tote, 300 Verletzte hat es da gegeben.
Viele Menschen sind betroffen und verfolgen jetzt diesen Prozess sehr aufmerksam und angespannt.
Stellt euch vor, der Richter würde sagen: Wir stellen diesen Prozess ein. Der Mann hat was falsch gemacht, aber, naja, wir sind mal nicht so und lassen ihm das durchgehen.
Das wäre doch für alle Betroffenen und für uns alle unsäglich! Das darf nicht sein! Unrecht muss gerichtet werden.
Ein Putin oder ein Assad werden vielleicht nie vor einen Strafgerichtshof kommen. Wie schlimm wäre es, wenn die mit 80 friedlich einschlafen und nie für ihre bösen Taten Rechenschaft ablegen müssen!
Der Philosoph Immanuel Kant war sehr skeptisch gegenüber allen theoretischen Gottesbeweisen. Aber an dem Punkt war er sehr klar. In seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ sagt er: Es muss einen Gott geben. Ein Gott, der am Ende für Gerechtigkeit sorgt. Ohne Gott gibt es keine Gerechtigkeit.
Gott wird am Ende Gericht halten.
Gott bzw. Jesus.
Denn nach unserem Text ist es Jesus, der Menschensohn, der auf dem Thron sitzen wird als König und als Richter.
Und ER wird das Urteil fällen, über einen Putin und Assad und auch über dich und mich.
Das Gute und das Böse, das ich in diesem Leben tue, das nehme ich nicht mit ins Grab. Es wird zur Sprache kommen. Es wird aufgedeckt und Jesus wird darüber sein Urteil sprechen.
Für viele wird das eine große Überraschung werden.
Für die Hörer damals war das an sich nichts Überraschendes.
Dass man sich für sein Tun vor Gott eines Tages verantworten muss, das war für die Leute damals klar.
Und klar war den meisten auch, dass Gott im Gericht eine Scheidung vollziehen wird: Die einen, die ins ewige Leben gehen, die anderen, die ins Verderben gehen.
Und auch dass die Werke der Barmherzigkeit eine Rolle spielen, war klar. Hungrigen und Durstigen Essen und Trinken geben, Nackte kleiden und Fremde aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen – im Judentum und weit darüber hinaus war es Konsens, dass das gut und wichtig ist.
Die große Überraschung ist dies:
Der Herr, der auf dem Thron sitzt, wird sagen:
Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken geben.
Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet, usw.
Ganz perplex fragen die Leute ihn:
Herr, wann denn??? Immer wieder: Wann? Wann?
Und dann diese Antwort:
Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!
Das ist die wirkliche Überraschung! Das ist das ganz Neue und Unerwartete:
2. Jesus identifiziert sich mit den Menschen in Not
Jesus, der Herr, der Sohn Gottes, identifiziert sich mit den Geringen: den Hungernden, den Nackten, den Kranken. Er nennt sie seine Brüder.
Das ist ja ein Zug, den wir in seinem ganzen Leben sehen, von der Geburt an:
Jesus kommt in einem armen Stall zur Welt, wird Flüchtling und Fremder in Ägypten, hat keinen Besitz, wird gefangen genommen.
Diese ganzen menschlichen Nöte hat er geteilt.
Und hat sich immer wieder mit den einfachen, armen Leuten solidarisiert.
Er identifiziert sich mit den Menschen in Not. Macht sich eins mit ihnen.
Und was Du einem Armen an Hilfe zuwendest, das wertet er so als wenn Du es für ihn tust.
Was ihr getan habt einem von diesen, das habt ihr mir getan!
Und umgekehrt: Was du einem Menschen in Not an Hilfe verweigerst, das wertet er so als ob du es ihm verweigerst!
Da ist ein großer Ernst in diesen Worten.
Das meint er wirklich so.
So wird er uns eines Tages beurteilen!
Jetzt ist man schnell dabei, diese Worte mit klugen Einwänden wegzurationalisieren:
Ich kann doch nicht alle Hungernden auf dieser Welt speisen!
Ich kann doch nicht jeden Obdachlosen bei mir aufnehmen.
Und ich kann auch nicht jeden Kranken besuchen. Das geht doch gar nicht!
Ich habe beim Nachdenken über diesen Text gemerkt, wie schnell bei mir diese Einwände hochkommen. Und die Versuchung ist groß, dass man sich mit solchen schlauen Argumenten den Ernst dieser Worte vom Leib hält.
Natürlich können wir nicht allen Menschen in Not helfen!
Aber doch einigen!
Jeder von uns kann in seinem konkreten Umfeld konkreten Menschen helfen.
Ich glaube, es geht darum, die Not, die vor deiner Haustüre liegt, anzupacken. Für den konkreten Menschen, dem du begegnest, das Herz öffnen.
Mit offenen Augen hinschauen und nicht wegsehen: In der eigenen Verwandtschaft oder Nachbarschaft. Wenn wir in der Stadt Menschen in Not sehen. Oder wenn wir jemanden kennen, der im Krankenhaus liegt und alleine ist.
Oder auch die Kinder und Jugendlichen, von denen wir eben gehört haben. Denen eine kleine Freude machen.
Übrigens – dass dieser Text heute dran ist, wo jemand von der Diakonie hier ist, das war nicht abgesprochen. Das hat sich einfach so gefügt.
Hier kann es ganz konkret werden: Was ihr getan habt …
Ich weiß nicht, wer von Euch Madleine Delbrél kennt. Das war eine französische Schriftstellerin, Mystikerin und Sozialarbeiterin. Sie war als junge Frau Atheistin gewesen, ist dann aber durch bestimmte Erfahrungen Christin geworden und hat eine Gemeinschaft von Frauen gegründet, die Jesus sehr konkret folgen wollten. Sie haben sich für Menschen in Not engagiert, waren auch politisch aktiv. Es ist eine ganz beeindruckende Frau. Die hat mal formuliert, was der Leitgedanke für ihre Gemeinschaft sein sollt:
„Christi Worte, seine Gebärden, seine Ratschläge zum heutigen Zeitpunkt in der Kirche leben. Und dies ganz schlicht, ein wenig buchstäblich, wie Leute, die das Evangelium zum ersten Mal hören.
Also: Nicht so schnell die Worte Jesu wegerklären, sie uns nicht mit schlauen Argumenten vom Leib halten, sondern sie tun.
Ganz schlicht. Ein wenig buchstäblich.
Und dann wird eines Tages Jesus zu uns sagen: Das, was du damals getan hast für diesen kauzigen alten Mann im Heim, das hast du für mich getan.
Und wie du damals dieser Migrantin beim Ausfüllen von Formularen geholfen hast, das hast du mir getan.
Und wie du dich engagiert hast für dieses Waisenkind in Afrika – es ist als hättest du es für mich getan!
Das war die zweite Überraschung.
Die dritte Überraschung steht nicht in dem Text, sondern in dem, was danach passiert.
Wenn wir diese Worte von Jesus ernst nehmen, dann merken wir schnell: Wenn er mich so beurteilt, dann kann ich nicht vor ihm bestehen.
Ich hab zwar hier und da Menschen geholfen. Aber so oft habe ich es auch nicht getan. So oft habe ich mein Herz verschlossen, mich nicht von der Not berühren lassen! Er kann mich eigentlich nur wegschicken.
Und jetzt kommt diese große Überraschung:
Jesus, der sich mit den Armen identifiziert, der identifiziert sich auch mit mir; mit meinem Versagen. Mit meiner Schuld.
Nach unserem Abschnitt beginnt im Matthäusevangelium die Passionsgeschichte. Da sehen wir, wie Jesus in schlimme Dunkelheit geht, wie er leidet und stirbt.
Und das tut er, weil er sich mit uns identifiziert.
Weil er sich mit unserem Versagen, unserem harten Herzen identifiziert.
Er nimmt das auf sich, als wäre Er der Versager.
Er lässt sich schuldig sprechen und spricht mich frei.
Gleich werden wir miteinander das Abendmahl feiern.
Da können wir das das konkret erleben.
Wir bekommen ein Stück Brot, einen Schluck Wein.
Und darin schenkt uns Jesus sich selbst.
Mein Leib – für Dich hingegeben.
Mein Blut – für Dich vergossen.
Dir schenke ich meine ganze Liebe!
Du bist mein Bruder und meine Schwester!
Da dürfen wir erleben und spüren:
Er identifiziert sich auch mit mir.
Und er vergibt mir meine Schuld!
Und wenn wir das erfahren, dann kann das unser hartes Herz wieder weich machen,
weich und barmherzig mit anderen.
Und der Friede Gottes…
Ihr Lieben,
ich habe Euch etwas mitgebracht:
Kennt Ihr das?
Ein Überraschungsei!
Kinder lieben das. Nicht nur wegen der Schokolade außen und dem netten Spielzeug innen, sondern vor allem ...