Ihr Lieben,
vorigen Sonntag war der Abschlussgottesdienst der Synode der Nordwest-Diözese in Tansania. Die fand in diesem Jahr im Kirchenkreis Kusini A statt, unserem Partnerkirchenkreis. Wir waren als Delegation dabei. In dem Gottesdienst sah es etwas anders aus als hier bei uns heute. Wir haben in Rwantege gefeiert. Das ist der Verwaltungssitz vom Kirchenkreis Kusini A. Es ist aber im Grunde ein kleines Dorf mit ein paar Häusern, einer Gesundheitsstation und einem kleinen Markt. Die Leute wohnen weit verstreut. Überall sieht man einzelne Häuser, umgeben von Bananenhainen und kleinen Feldern. Der ganze Kirchenkreis Kusini A ist sehr ländlich. Aber in Rwantege gibt es eine große Kirche. Deutlich größer als unsere hier. Und die war voll. (Bild 1) Es war so voll, dass nicht alle reinpassten und etliche Menschen um die Kirche herum auf dem Gras saßen. Sicher 700 Menschen oder mehr. Gut – es war ein besonderer Gottesdienst. Der Bischof war da etc. Aber trotzdem. Die Kirchen dort sind voll.
Wir waren dann in den nächsten Tagen viel im Kirchenkreis herumgefahren und haben uns verschiedene Projekte angeschaut. Da haben wir auch eine Kirche gesehen, die von uns, der Auferstehungsgemeinde, gesponsert worden ist (Bild 2). Es ist die Hauptkirche der Gemeinde Buganguzi. Die haben anscheinend unsere Kirche zum Vorbild genommen. Fast alle Kirchen dort sind rechteckig und braun. Diese hier ist fast rundlich, achteckig oder so, ist rötlich, hat so eine Erhöhung oben drauf und auch die Stufen zum Eingang ähneln der Auferstehungskirche. Durch Spenden unserer Gemeinde ist die also mitfinanziert worden. Und Pastor Samuel, der auf dem Bild neben mir steht, erzählte, dass die sonntags voll ist. 400 Leute sitzen da!
Wie kommt das, dass es in Tansania so viele Menschen gibt, die zum Gottesdienst gehen?
Das hat etwas mit dem Predigttext zu tun, der für diesen Sonntag vorgeschlagen ist und der super zu dieser Reise passt.
Ich lese Mt 9, 35 – 10, 1 + 5-7 (Basisbibel)
Jesus zog durch alle Städte und Dörfer des Landes.
Er lehrte in ihren Synagogen und verkündete die Gute Nachricht vom Himmelreich.
Dazu heilte er jede Krankheit und jedes Leiden.
Jesus sah die große Volksmenge
und bekam Mitleid mit den Menschen.
Denn sie waren erschöpft und hilflos –
wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Deshalb sagte er zu seinen Jüngern:
»Hier ist eine große Ernte, aber es gibt nur wenige Erntearbeiter. Bittet also den Herrn dieser Ernte,
dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt!«
Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich. Er gab ihnen die Vollmacht, böse Geister auszutreiben und jede Krankheit und jedes Leiden zu heilen.
Diese zwölf Jünger sandte Jesus aus. Er forderte sie auf: »Nehmt keinen Weg, der zu den Heiden führt!
Und geht in keine Stadt, die den Samaritern gehört!
Geht stattdessen zu den verlorenen Schafen:
den Menschen, die zum Volk Israel gehören!
Geht zu ihnen und verkündet ihnen:
›Das Himmelreich kommt jetzt den Menschen nahe!‹
Was wir hier haben ist so etwas wie ein „kleiner Missionsbefehl“. In diesen Worten wird deutlich, was Mission ist und was sie sein soll.
Das Wort „Mission“ hat ja für viele Menschen in Deutschland einen etwas negativen Klang. Und zwar gerade innerhalb der Kirche. Ein Freund von mir, Pfarrer in Hamburg, erzählte, dass das Missionswerk der Nordkirche sich kürzlich umbenannt hat. Sie haben das Wort „Mission“ aus ihrem Namen gestrichen, weil es ihnen irgendwie peinlich ist. Sie wollen keine Mission mehr betreiben.
„Mission“ – das klingt für viele nach Arroganz und Anderen-etwas-überstülpen.
Unsere Missionsgeschichte in Afrika ist natürlich auch eng verbunden mit der Kolonisierung, und manche Kritiker sagen: Die Mission diente im Grunde nur der Unterwerfung der afrikanischen Völker, ist Ausdruck der europäischen Arroganz usw..
Das Interessante ist, dass die Menschen dort in Tansania das völlig anders sehen. Die sind froh, froh und dankbar, dass die Missionare aus Deutschland gekommen sind. Und zwar durch die Bank. Natürlich wissen die auch, dass die Missionare nicht alles gut gemacht haben und dass es einige gab, die mit der Kolonialmacht paktiert haben. Aber es gab viele andere, die sich den Kolonialherren bewusst entgegengestellt haben. Und vor allem: Sie haben das Evangelium gebracht, die Nachricht von dem Gott, der jeden Menschen liebt und aus allen bösen Bindungen befreit.
Das Wort „Mission“ ist in Tansania ganz positiv besetzt. Und die Kirchen dort sind selber missionarisch. Und dabei erfolgreich.
Der Bischof der Nordwest-Diözese Keshomshahara (Bild 3) hat auf der Synode einen Bericht gegeben und erzählt, wie die Kirche dort wächst.
Es werden immer mehr Gemeinden gegründet.
Die Zahl der Christen nimmt zu.
Es gibt immer mehr Pfarrer und Evangelisten.
Es gibt eine blühende Frauenarbeit.
Das einzige, was so ein bisschen Sorgen macht, sind die Männer, die beim Gottesdienstbesuch etwas hinterherhängen.
Für uns wurde bei diesem Besuch sehr deutlich:
Mission ist nichts, dessen man sich schämen muss. Mission gehört zum Wesen der Kirche.
Der große Tübinger Theologe Eberhardt Jüngel hatte es mal so formuliert: Mission ist der Herzschlag der Kirche. Ohne Mission kann Kirche nicht lebendig sein.
Und in unserem Predigttext macht Jesus deutlich, warum das so ist und was das Wesen der Mission ist, wo sie herkommt und worauf sie hinzielt.
Schauen wir mal rein.
Die erste Beobachtung:
1. Mission beginnt mit dem Mitleid.
In V. 36 heißt es: „Jesus sah die große Volksmenge und bekam Mitleid mit den Menschen. Denn sie waren erschöpft und hilflos – wie Schafe, die keinen Hirten haben.“
Jesus nimmt die Not der Menschen wahr. Das berührt sein Herz. Das griechische Wort, das hier mit „er bekam Mitleid“ übersetzt ist, heißt wörtlich: „Es ging ihm an die Eingeweide.“ Also: Es berührte sein Innerstes.
Die Motivation der Mission ist Barmherzigkeit, ist Liebe und sonst nichts. Nichts anderes darf sie sein.
So war es bei Jesus selbst.
Es ist Liebe, die ihn zu den Menschen hingetrieben hat.
Und mit dieser Liebe will er auch uns motivieren, in Bewegung setzen.
Es geht bei der Mission also nicht darum, seine eigene Meinung durchzusetzen und anderen aufzudrücken.
Es geht nicht darum, die Kirche und ihren Einfluss zu vergrößern.
Mission im Sinne von Jesus sucht nichts für sich selbst, sondern sie sucht das, was für den anderen gut ist.
Und darum kann man auch nur Mission treiben, wenn man selbst von der Liebe Gottes berührt ist.
Das ist der Grund, warum in der Missionsgeschichte so manches schief gelaufen ist: Dass da Menschen aus anderen Motiven losgezogen sind.
Und das gilt übrigens auch für die Gegenwart: Wir werden auch heute als Kirche nur dann in guter Weise missionarisch sein können, wenn uns die Liebe motiviert und sonst nichts.
Liebe, Mitfühlen, barmherzig sein – das ist der Ursprung der Mission.
Eine zweite Beobachtung:
2. Mission betrifft den ganzen Menschen
In V. 35 steht, dass Jesus die Gute Nachricht vom Himmelreich verkündete und dass er Menschen von ihren Krankheiten heilte. Predigen und Heilen gingen bei Jesus Hand in Hand. Das Predigen richtete sich an den Verstand und an das Herz. Das Heilen betraf den Körper.
Und dann gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, das gleiche zu tun wie er: Sie sollen auch (10, 1) böse Geister austreiben und Krankheiten heilen und sie sollen (10, 7) verkündigen, predigen.
Was ist denn der Inhalt der Predigt?
Es ist die Gute Nachricht vom Himmelreich: Das Himmelreich kommt jetzt den Menschen nahe!
Das kann man schnell missverstehen. Bei „Himmelreich“ denken wir sofort an den Himmel, in den wir hoffentlich kommen, wenn wir sterben. Und manche Leute verstehen Missionspredigt so, dass man den Leuten sagt, was sie tun sollen, damit sie irgendwann einmal in den Himmel kommen.
Jetzt ist wichtig zu wissen: Jesus verwendet das Wort „Himmel“ als Synonym für „Gott“. Das Himmelreich ist das Reich Gottes.
Und dieses Reich Gottes ist mit Jesus nahe gekommen.
Es ist kein fernes Reich.
Es ist kein Ort irgendwo in der Zukunft.
Sondern das Reich Gottes ist ein Zustand, den wir jetzt schon erleben können. Es ist Gottes Gegenwart. Das Reich Gottes ist da, wo Gott nahe ist und wo sein guter Wille geschieht.
Und das, sagt Jesus, kann man schon jetzt und hier erleben.
Durch ihn, durch Jesus, kann man schon jetzt mit Gott in Verbindung kommen, ihm nahe kommen.
Durch ihn kann schon jetzt Gottes guter Wille im eigenen Leben geschehen.
Und Gottes Wille ist, dass unser Leben heil wird. Heil in einem umfassenden Sinne: Heil an Leib und Seele.
Man kann ja immer auf zwei Seiten vom Pferd fallen.
Es gibt Leute – die gab es vor allem früher -, die sagen: Es geht bei der Mission vor allem um die Seele. Seelen retten für die Ewigkeit. Menschen sollen in den Himmel kommen. Alles andere ist zweitrangig.
Und es gibt andere – die gibt es eher heute – die sagen: Es geht bei der Mission vor allem um Bildung, um medizinische Hilfe, um Gerechtigkeit usw. Das Spirituelle – naja, das ist so ein bisschen wie die Kirsche auf der Torte.
Jesus würde zu beiden sagen: Nein! Geistliches und Körperliches gehört bei der Mission zusammen
Menschen brauchen Gott. Ohne ihn sind sie wie Schafe ohne Hirten. Hier liegt die allertiefste Not.
Aber Gott liebt den ganzen Menschen. Und darum gehört zur Mission genau so wie das Predigen auch das Heilen und Befreien, auch die Hilfe für den Körper.
Das war übrigens bei der Missionsarbeit in Tansania immer ganz klar.
Ein Arzt dort erzählte uns:
Als vor hundert Jahren die Missionare kamen, haben sie drei Dinge gebracht: Evangelium, Bildung und Medizin. Und darum wurden bei allen Missionsstationen in Tansania immer drei Dinge gebaut: Kirchen, Schulen und Krankenhäuser. Das ist ein Dreiklang, der mit Mission unmittelbar verknüpft ist, bis heute: Kirche, Schule, Krankenhaus.
Mission ist umfassend: Es geht um die Gottesbeziehung, aber auch darum, dass Menschen eigenständig Wissen erwerben können und ökonomisch auf eigenen Beinen stehen und medizinisch versorgt werden.
Unsere Partnerschaftsarbeit ist auch so ausgerichtet. Wir haben als Partnerschaftskreis hier in Bonn ein Pendant in Kusini A. Und der Partnerschaftskreis dort sagt uns, für welche Projekte sie Unterstützung wünschen.
Wir unterstützen z.B. das Gesundheitszentrum in Rwantege (Bild 4). Es gibt da gute Krankenschwestern. Es gibt zwei Ärzte. Einer, Amos, konnte durch unsere Unterstützung sein Medizinstudium machen. Wir haben einen Generator finanziert, der letzten Sonntag eingeweiht wurde, damit man auch bei Stromausfällen eine OP weiterführen kann.
Wir unterstützen aber auch das Huyawa-Projekt. Da können Kinder und Jugendliche aus ganz armen Verhältnissen eine zweijährige Ausbildung als Näherinnen oder Schreiner machen. (Bild 5) Am Ende bekommen sie ein Set mit Arbeitsgeräten geschenkt, damit sie sich eine eigene Existenz aufbauen können.
Und wir unterstützen den Bau von Kirchen. Eine neue Kirche wurde uns gezeigt (Bild 6). Der Bau wurde von der Gemeinde finanziert. Das Dach wurde vom Partnerschaftskreis bezahlt. Die Gemeinde hat diese Kirche gebaut, weil die Christen in dieser Gegend einfach sehr lange Wege bis zur nächsten Kirche hatten.
Mission ist umfassend und betrifft den ganzen Menschen mit Leib, Seele und Geist.
3. Mission überschreitet Grenzen
Hier in unserem „kleinen Missionsbefehl“ heißt es in V. 5: Jesus sandte seine Jünger aus. Das Wort „Mission“ kommt ja vom Lateinischen Missio, d.h. die „Sendung“. Gott sendet Jesus. Und Jesus sendet seine Jünger. Und diese Sendung impliziert eine Überschreitung von Grenzen.
Bei den Jüngern damals ging es zunächst mal um eine kleine Grenzüberschreitung. Sie sollten in andere Dörfer gehen. Also aus ihrem Dorf rausgehen und fremde Dörfer betreten. Aber sie sollten noch in Israel bleiben.
Am Ende vom Matthäusevangelium, nach seiner Auferstehung, kommt dann der große Missionsbefehl. Da sagt Jesus: Geht zu allen Völkern und ladet alle Menschen ein, meine Jünger zu werden!
Da wird die Grenze ganz weit gemacht: Alle Völker sollen von Jesus hören und ihm folgen.
Jetzt geht es darum, die Grenze der eigenen Kultur, der eigenen Sprache zu überschreiten. Rausgehen. Reisen. Meere überqueren.
Die Menschen in unserem Partnerkirchenkreis haben heute so volle Kirchen, weil vor 150 Jahren Menschen von der damaligen Bethel-Mission genau das gemacht haben: Sie haben sich auf den Weg gemacht und Grenzen überschritten. Haben Mut gehabt, haben viel riskiert und ihr Leben eingesetzt, um diese Nachricht dorthin zu bringen, dass der große Gott in Jesus so nahe gekommen ist, dass man ihn kennenlernen und sein Kind werden kann.
Diese Phase der Missionsgeschichte ist vorbei. Heute brauchen die Kirchen in Tansania keine Missionare aus Deutschland mehr, die ihnen von Gott erzählen. Die eigentliche Missionsarbeit können die Christen dort besser leisten. Wir können sie dabei unterstützen, aber wir brauchen es nicht selber tun.
Unsere Aufgabe liegt heute wahrscheinlich eher vor unserer Haustüre.
Jesus sendet uns zu den Menschen in unserer Nähe.
Er sendet dich zu deinen Nachbarn. Zu deinen Freunden und Kollegen.
Es geht darum, dass wir den Glauben teilen.
Dass wir andere einladen. Vielleicht zu einem Gottesdienst hier bei uns.
Auch das ist eine Grenzüberschreitung.
Und auch das erfordert Mut.
Es ist bei uns in Deutschland ja sehr ungewöhnlich, über Glaubensdinge zu sprechen. Und wenn du deinem Nachbarn erzählst, dass Du zum Gottesdienst gehst und ihn vielleicht einlädst, nächsten Sonntag mitzukommen, dann kann es passieren, dass dein Nachbar dich irritiert anguckt. Das ist nicht schön.
Grenzen überqueren kostet immer Mut.
Entscheidend ist, dass wir uns dabei von Gottes Liebe motivieren lassen.
Und damit schließt sich der Kreis.
Mission beginnt mit der Liebe.
Wenn wir uns selbst von dieser Liebe Gottes berühren lassen, dann werden wir sie gerne weitergeben.
Dazu sendet Jesus uns. Das ist seine Mission.
Und der Friede Gottes… Amen.
Ihr Lieben,
vorigen Sonntag war der Abschlussgottesdienst der Synode der Nordwest-Diözese in Tansania. Die fand in diesem Jahr im Kirchenkreis Kusini A statt, unserem Partnerkirchenkreis. Wir ...