Predigt, 8.2.2026 T: Die Stärke des Rechts

8.2.2026

J.Berewinkel

Ihr Lieben! Vor zwei Wochen ist Alex Pretti gestorben. Ein Krankenpfleger in Minneapolis. Er wollte einer Frau helfen und ist dabei von ICE-Beamten erschossen worden. Die ...

Ihr Lieben!

Vor zwei Wochen ist Alex Pretti gestorben. Ein Krankenpfleger in Minneapolis. Er wollte einer Frau helfen und ist dabei von ICE-Beamten erschossen worden.

Die US-Regierung erklärte ihn darauf zu einem potenziellen Attentäter, und es sei Notwehr gewesen.

Es gibt nur leider Videos, auf denen man sehen kann, dass die ICE-Leute Alex Pretti die Waffe abgenommen hatten und dann auf ihn feuerten.

Es ist ein Beispiel, das leider so typisch ist und so häufig passiert:

Ein Mensch, der Recht tut und einer angegriffenen Frau hilft, wird von den Machthabern zum Übeltäter gemacht. Und die, die ihn ermorden, kommen ungeschoren davon.

Man könnte jetzt viele weitere Beispiele anführen: Aus Russland, wo unliebsame Journalisten aus irgendwelchen vorgeschobenen Gründen von Richtern zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt werden; aus Teheran, wo Menschen für Freiheit demonstrieren, per Kopfschuss getötet werden; aus Hongkong, wo sich die letzte demokratische Partei auflösen musste, weil die Repressalien unerträglich wurden, obwohl man doch versprochen hatte, dass Hongkong demokratisch bleiben darf; aus dem Kongo, wo einige wenige Leute aus der Regierung durch die Bodenschätze immense Reichtümer aufhäufen und die Bevölkerung nichts davon hat.

Diejenigen, die die Macht haben, verdrehen das Recht nach ihrem Belieben: Recht wird zu Unrecht und Unrecht wird zum Recht.

Wir hören in den letzten Wochen immer wieder den Satz, dass das Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts aushebelt.

Ich möchte gerne mit Euch heute über die Stärke des Rechts nachdenken.

Wo kommt die her?

Worauf gründet sie?

Wir haben alle in unseren Häusern solche Geräte: Feuermelder. Da stecken empfindliche Sensoren drin.

Wenn Rauch im Raum ist, dann springen die an und schlagen Alarm.

So etwas ähnliches haben wir alle in unserem Inneren: Einen empfindlichen Sensor. Und dieser Sensor springt an, wenn wir Unrecht wahrnehmen.

Ich glaube, das geht uns allen so: Als wir in den Medien diese Sache mit Alex Pretti hörten und die versuchten Vertuschungen vom Heimatschutzminsterium – da ist doch etwas in dir angesprungen, oder?

Oder als wir die Bilder aus dem Iran gesehen haben. Das macht einen doch einfach wütend. Wir spüren Zorn, haben das Gefühl: Nein, das darf nicht sein! Das ist Unrecht! Das ist schlimm!

Wo immer wir Unrecht wahrnehmen – in den Medien oder im persönlichen Umfeld – geht dieser Alarm an.

Wieso reagieren wir eigentlich so?

Man kann natürlich jetzt sagen: So sind wir halt erzogen worden. Unsere Eltern haben uns beigebracht, dass man nicht lügen darf und dass ein Stärkerer den Schwächeren nicht verprügeln darf.

Da ist etwas dran. Aber ich glaube, Erziehung allein genügt als Erklärung nicht. Die würde nicht eine so tiefe emotionale Reaktion hervorbringen.

Wieso reagieren wir so empfindlich auf Unrecht?

Und wo kommt Recht und Unrecht eigentlich her?

Wir gehen mal auf Spurensuche.

(Folie: Haus und Fundament)

Wir haben ja in Deutschland eine Fülle an Gesetzen.

Das kann man sich wie ein Haus vorstellen mit vielen Zimmern. Das sind die verschiedenen Rechtsbereiche. Und in jedem Zimmer gibt es viele Vorschriften und Paragrafen.

Diese ganzen Gesetze werden von der Legislative beschlossen. Hier ist viel in Bewegung.

Wer im Land die Macht hat und wer die Mehrheit im Bundestag hat, der erlässt neue Gesetze.

Es ist, als würde in diesem Haus immer wieder umgeräumt, ergänzt, angebaut.

Gesetze sind wandelbar und unterliegen der regierenden Macht bzw. in einer Demokratie der Mehrheit.

Aber dieses Haus der Gesetze hat ein Fundament: Das ist das Recht.

Hier geht es um Dinge, die etwa in den Grundrechten in unserem Grundgesetz festgehalten sind. Oder in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948:

Dass alle Menschen eine Würde haben, die zu achten ist und ein Recht, in Freiheit zu leben.

Dass niemand aufgrund seines Geschlechts, seiner Rasse oder seines Glaubens benachteiligt werden darf.

Ein Recht auf Anteil an den Ressourcen dieser Welt.

Aber jetzt stellt sich die Frage:

Wo kommt denn das her?

Wieso gilt das?

Warum hat eine Kuh, die Milch gibt, kein Recht auf Lohn, der Bauer, der sie verkauft, aber schon?

Wer gibt dem Menschen seine Rechte?

Sind diese Grundrechte nur eine gesellschaftliche Konvention? Etwas, worauf man sich halt geeinigt hat? Gilt hier, was für die Gesetze gilt: Dass sie von Macht und Mehrheit bestimmt werden?

Das würde ja bedeuten, dass Freiheit, Gleichheit, Würde usw. nur gelten, solange eine Mehrheit dafür ist. Und wir wissen ja: Mehrheiten können sich ändern.

Was wäre z.B. wenn – aus welchen Gründen auch immer – die Mehrheit in Deutschland sagen würde: Jeder hat ein Recht auf Eigentum – ausgenommen sind Menschen mit roten Haaren. Die haben das nicht. Die darf man ruhig bestehlen.

Was wäre, wenn das per Gesetz beschlossen werden würde?

Würdet Ihr Euch dann an ihrem Besitz vergreifen? Wohl kaum, oder?

Wir spüren doch deutlich: Die Grundrechte können nicht einfach von Mehrheiten festgelegt oder verändert werden.

Und sie dürfen auch nicht von denen bestimmt sein, die gerade die Macht haben. Putin hat zwar die Macht, Gesetze zu erlassen wie er will und Richtersprüche zu erzwingen wie er will, aber damit wird das, was er da tut, noch lange nicht Recht.

Wir sind alle, hoffe ich, zutiefst überzeugt, dass Würde, Freiheit und Gleichberechtigung nicht nur gültig sind, solange eine Mehrheit dafür ist oder solange man sie mit Macht durchsetzen kann. Sondern wir glauben doch, dass die Menschen wirklich dieses Recht haben. Dass das eine Wahrheit ist und nicht nur ein gesellschaftlicher Konsens.

Aber noch mal: Wo kommt dieses Recht her?

Ohne einen schöpferischen Geist, ohne einen Gott, lässt sich das Recht nicht begründen.

Das bringt manche Menschen, die nicht an Gott glauben, in ein gewisses Dilemma. Viele sind ganz fest überzeugt, dass Recht und Gerechtigkeit nicht nur etwas Subjektives und Relatives sind:

Wenn Kinder missbraucht werden oder wenn man die Energieinfrastruktur in Kiew zerstört, um Leute erfrieren zu lassen, dann ist das, das wissen mit einer tiefen Gewissheit, nicht nur ein Verstoß gegen kulturelle Gewohnheiten, sondern es ist Unrecht. Es ist böse. Punkt.

Aber diese Gewissheit passt nicht zusammen zu einem Bild von einer Welt, die nur durch Zufall entstanden ist.

Wenn es keinen Schöpfer gibt, wenn alles im Universum sich aus sich selbst entwickelt hat und das Stärkere sich gegen das Schwächere durchsetzt, dann ist auch unser Empfinden von Moral, von Recht und Unrecht, nur das Produkt eines evolutionären Prozesses. Dann gibt es keine moralische Wahrheit, sondern nur Nützlichkeiten.

Ohne einen Schöpfer hat das Recht keine Grundlage. Es schwebt in der Luft wie ein losgelassener Luftballon.

Der Philosoph Alisdair MacIntyre hat diese Fragen intensiv studiert und hat einmal geschrieben: In einer rein profanen Welt, in einer Welt ohne Gott, fehlt der Moral die logische Grundlage. (Der Verlust der Tugend, S. 75)

Man hat zwar klare Vorstellungen von Recht und Unrecht, aber man kann es rein rational nicht begründen.

Aber wenn es Gott gibt, dann macht auf einmal alles perfekten Sinn.

Dann basiert das Recht auf einer noch tieferen, breiteren Grundlage. (Folie)

Gott selbst setzt Recht. Er unterscheidet Gut und Böse. Und Gott selbst gibt dem Menschen seine Würde.

Es heißt auf der ersten Seite der Bibel, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild schafft, also als sein Gegenüber, mit dem er in Beziehung treten will.

Und das gilt für jeden Menschen, ganz unabhängig von Geschlecht und Herkunft, Bildung und Vermögen. Jeder Mensch ein Ebenbild Gottes. Hier sind seine Rechte begründet.

Wenn man sich die Bibel durchliest, dann sieht man, wie sich das Thema wie ein roter Faden durchzieht: Gott will Recht und Gerechtigkeit.

Wir haben das eben in der Lesung beim Propheten Jesaja gehört Ganz ähnliches finden wir bei den anderen Propheten.

Lest euch mal die Propheten der Bibel durch: Das ist ein einziger großer Ruf nach Recht und Gerechtigkeit.

Dass die Reichen nicht die Armen ausbeuten,

dass die Leute die Wahrheit sagen und niemanden übers Ohr hauen,

dass die Richter sich nicht bestechen lassen.

Gott wünscht sich, dass Recht geschieht, und er wünscht es sich für seine Menschen.

Recht ist in der Bibel nichts Abstraktes, sondern es geht darum, dass Beziehungen zurecht kommen, Beziehungen zwischen den Menschen und die Beziehung zwischen den Menschen und Gott.

Gott setzt Recht, damit es gut ist zwischen den Menschen.

Er ist die Grundlage des Rechts, sozusagen das Fundament des Fundaments.

Denn er als Schöpfer weiß am Besten, wie das Leben, wie das Miteinander am Besten funktioniert.

Darum hat er dem Volk Israel die Gebote gegeben. In den Zehn Geboten der Bibel wird Recht und Unrecht deutlich benannt.

Aber Gott hat als Schöpfer diesen Sinn für Recht und Unrecht auch in jeden Menschen hineingelegt.

Paulus schreibt das einmal im Brief an die Römer. Da sagt er: Gott hat allen Menschen sein Gesetz ins Herz geschrieben. (Röm 2, 15)

Das Wissen um Recht und Unrecht ist da. Es kann zwar deformiert werden und unterdrückt werden, aber ganz tief ist doch in jedem Menschen ein Wissen um Gut und Böse. Ganz tief steckt in uns dieser Sensor. Dieser Feuermelder. Darum reagieren wir so empfindlich, wenn wir Unrecht erleben.

Hier liegt die Stärke des Rechts. Es gründet letztlich auf dem Willen des Schöpfers dieser Welt.

Das heißt nicht, dass jeder, der Gott in den Mund nimmt, automatisch Recht übt. Auch ein Trump und ein Putin berufen sich ja irgendwie auf Gott und verwenden die Religion für ihre Zwecke.

Immer wieder wurde im Namen der Religion Recht verdreht.

Darum ist es um so wichtiger, dass wir mit unserem Gewissen und mit der Bibel einen Kompass haben. Mit diesem Kompass können wir uns orientieren.

Die Welt ist ja ungeheuer kompliziert und was Recht und Unrecht ist, das ist nicht immer so eindeutig. Wir leben da in einem ethischen Dschungel.

Aber wenn Du ehrlich auf dein Gewissen hörst und wenn Du die Bibel aufmerksam liest und dein Gewissen daran schärfst, dann hast du tatsächlich einen Kompass, der dir die richtige Richtung zeigt.

Gott sagt einmal durch den Propheten Amos: „Es ströme das Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!“ (Amos 5, 24)

Das ist Gottes Wunsch für unser Leben, für dein Leben, dass von uns Recht hervorquillt wie ein Bach, der nie versiegt und dass es sich von uns ausbreitet in unsere Umgebung hinein.

Wir werden die große Politik nicht ändern können. Wir können uns zwar ärgern über Trump und Putin und Co., aber das wird sie wohl kaum von ihrem Tun abbringen.

Wir können aber in unserem Wirkungsfeld Recht und Gerechtigkeit verbreiten:

Wahrheit gegen die Lüge stellen.

Unrecht ansprechen.

Mit unseren kleinen Mitteln Recht üben.

Und das hat Wirkung. Das sollten wir nicht unterschätzen.

Es ströme das Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Wir leben in einem Land, wo es nicht viel kostet, sich für das Recht einzusetzen und gegen Unrecht anzugehen. Wir können unsere Meinung frei sagen, wir können Parteien wählen oder nicht wählen.

An den USA sehen wir, wie schnell sich das ändern kann. Wie schnell man in eine Situation kommen kann, wo man Nachteile hat und sanktioniert wird, wenn man die Wahrheit sagt oder das Richtige tut.

Ich hoffe, dass Gott mir und uns dann die Stärke gibt,

weiter für Recht und Gerechtigkeit einzustehen.

Und ich glaube, wenn wir uns an ihm fest machen, wenn Er auch unser persönliches Fundament ist, dann können wir dort diese Stärke finden. Amen.