Predigt, 18.2.2024 Liebe lernen? (Abschluss der Predigtreihe „Alles Liebe“)

18.2.2024

J.Berewinkel

(Dies ist der Abschluss der Predigtreihe „Alles Liebe“ Erster Teil: Liebe entdecken Zweiter Teil: Liebe leben Dritter Teil: Liebe lernen?) Liebe Geschwister, kann man Liebe lernen? Das ist unser Thema ...

(Dies ist der Abschluss der Predigtreihe „Alles Liebe“
Erster Teil: Liebe entdecken
Zweiter Teil: Liebe leben
Dritter Teil: Liebe lernen?)

Liebe Geschwister,
kann man Liebe lernen? Das ist unser Thema heute.
Und es ist keine triviale Frage.
Wir hatten mal mit einer Gruppe von Leuten genau über diese Frage diskutiert.
Manche sagten ganz entschieden: Ja, das kann man! Anders achten genauso klar: Nein, Liebe kann man nicht lernen!

Was meinen Sie?
Wer würde sagen: Ja, Liebe kann man lernen! …
Wer würde sagen: Nein, das geht nicht! …

Manche zögern und werden vielleicht sagen:
Es hängt doch davon ab, was man unter Lernen versteht.

Bei dem Wort Lernen denken wir ja meist sofort an einen rein kognitiven Vorgang, an Informationsbearbeitung, sich Wissen einprägen, Bücher lesen. In diesem Sinne kann man Liebe sicher nicht lernen.

In den Humanwissenschaften wird Lernen in einem viel weiteren Sinne verstanden. Lernen ist nicht nur Wissensvermehrung, sondern auch alle Prozesse, wo unser Verhalten verändert wird.
Zum Beispiel Klavierspielen oder Skifahren. Das lernt man nicht, indem man Bücher darüber liest. Jedenfalls nicht primär.
Sondern wir üben neue Bewegungen ein. Die Finger suchen die Tasten und durch viele Wiederholungen werden die Fingerbewegungen immer flüssiger und sicherer. Und beim Skifahren – da wird der Schwung durch viele Wiederholungen immer natürlicher.

Liebe lernen verstehe ich in diesem Sinne: Es geht darum, ein neues Verhalten einzuüben.

Wenn wir klären wollen, ob man Liebe lernen kann, dann müssen wir aber auch klären, was wir genau mit Liebe meinen.

Rüdiger Petrat hatte ja im ersten Teil der Predigtreihe deutlich gemacht, dass es im Griechischen ganz unterschiedliche Begriffe von Liebe gibt. Und dass man ziemlich unterschiedliche Dinge meinen kann, wenn man das Wort Liebe benutzt.

Viele Menschen verbinden mit Liebe vor allem ein Gefühl; etwas, das einen einfach überkommt, das einfach da ist.

(F: Herz mit Begriffen)
In der Bibel wird Liebe in einem umfassenderen Sinne verstanden. Liebe betrifft den Menschen als Ganzes.

Zur Liebe gehört der Verstand. Das Denken. Lieben hat ja mit Wahrnehmung zu tun. Einen anderen Menschen lieben heißt, ihn beachten, ihn aufmerksam wahrnehmen, mich in den anderen hineinversetzen. Dazu brauchen wir unseren Verstand.

Die Liebe umfasst auch unser Gefühl. Liebe ist nicht nur ein Gefühl, aber es gehört doch dazu. Man kann nicht mit kaltem Herzen lieben. Sonst verwandelt sich die Liebe ganz schnell in Heuchelei. Lieben heißt also auch positive Gefühle dem anderen gegenüber haben.

Die Liebe betrifft aber auch unseren Willen. Die Entschlossenheit: Ich will mich dem anderen zuwenden. Ich will nicht nur um mich selbst kreisen. Will mich öffnen, mich verletzlich machen, mich hingeben.

Verstand, Gefühl, Wille.
Liebe ist also etwas, was unsere ganze Person und alle unsere Kräfte in Anspruch nimmt und durchdringt.

Ich habe kürzlich einen Vortrag von dem Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein gehört. Da sagte er: In der Liebe wachsen wir über uns hinaus.

Wir Menschen haben ja die ganz starke Neigung, uns in uns selbst zu verschließen. Wir sind dann ganz mit uns selbst beschäftigt, kreisen um die eigenen Sorgen und Ängste und Wünsche und nehmen gar nicht richtig wahr, was außerhalb von uns ist.

Martin Luther hat es einmal so beschrieben: „Der Mensch ist in sich selbst verkrümmt“. Auf Lateinisch: „Homo incurvatus in se ipsum“.
Er dreht sich um sich selbst.

Die Liebe ist das genaue Gegenteil.
Sie ist die Kraft, die uns aus unserer Selbstverkrümmung herausholt.
In der Liebe wenden wir uns anderen Menschen und Geschöpfen zu, nehmen wahr, was den anderen beschäftigt, fühlen uns in ihn hinein, suchen, was dem anderen gut tut.

Besonders krass erlebt man das, wenn man frisch verliebt ist. Denken Sie mal an die Zeit zurück! Da fliegen die Gedanken wie von allein zum anderen. Man überlegt sich: Wie kann ich ihr eine Freude machen? Was kann ich ihm Gutes tun? Was beschäftigt sie wohl gerade?

Das gilt in ähnlicher Weise aber auch in anderen Liebesbeziehungen, in der Liebe zu unseren Kindern oder in guten Freundschaften.

In der Liebe sind wir auf einen anderen Menschen ausgerichtet.
Da sind wir so wunderbar losgelöst von uns selbst und merken und spüren, wie herrlich das ist, wie gut uns das tut.

In der Liebe wachsen wir tatsächlich über uns selbst hinaus und finden zugleich unsere tiefste Bestimmung.

Und diese Grundbewegung der Liebe, die können wir, das glaube ich, lernen, können sie einüben.

Allerdings – das Lieben-lernen ist deutlich anspruchsvoller als Klavierlernen oder Skifahren.
Es ist ja nicht eine Technik, die wir mechanisch trainieren können.

Das Besondere bei der Liebe ist: Bevor wir sie geben können, müssen wir sie empfangen.

Im 1.Johannesbrief steht ein sehr interessanter Satz. Der Apostel schreibt dort: „Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt.“ (1.Joh.4,19)

Da wird deutlich: Bevor wir lieben können, müssen wir erst einmal Liebe empfangen, Liebe erfahren.

Das fängt ja schon ganz früh an. Ein Baby erfährt, wie es von seinen Eltern geliebt wird, und diese Erfahrung von Liebe führt dazu, dass auch das Kind Liebe äußern kann.

Liebe es also nichts, was wir von Geburt an mitbringen. Wir haben sie nicht aus uns heraus.
Unsere Liebe ist Reaktion, ist Resonanz auf erfahrene Liebe.

Der Apostel Johannes geht aber noch einen Schritt weiter. Er sagt ja: Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt.

Hier berührt er ein tiefes Geheimnis. Gott hat uns zuerst geliebt. Im gleichen Brief schreibt er ein paar Sätze vorher: „Gott ist Liebe“. (1.Joh.4,8)

Das ist ja eine ungeheure Aussage.
Gott ist Liebe.
Von ihm kommt die Liebe her.
Er ist die Quelle, er hat die Liebe in die Welt gebracht.

Und Johannes hat diese Liebe Gottes sehr konkret erfahren. Er hat sie bei Jesus gesehen und erlebt.

In der Predigt letzten Sonntag hatte Cornelius Brühn uns gezeigt, wie Jesus die Liebe gelebt hat, wie viel Liebe von ihm ausgegangen ist.

Für die Jünger von Jesus war das tatsächlich eine Schlüsselerfahrung. Sie haben bei Jesus eine Liebe erlebt – das hat sie einfach umgehauen. Sie sahen da jemanden, der sich ganz für die Kranken und Ausgestoßenen einsetzt, der voller Liebe Kinder auf den Arm genommen hat und gesegnet hat, der einer entwürdigten Frau ihre Würde wiedergibt, der ihnen, seinen Jüngern, die Füße wäscht, der für seine Feinde betet, als sie ihn am Kreuz quälen: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Das hat sie zutiefst beeindruckt und ihr Leben grundlegend verändert. Bei Jesus haben Sie eine Liebe erfahren, die sie so noch nirgends erfahren haben.

(F: Text)
Und Jesus sagt zu ihnen:
„Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh.15,9)
Bevor er sie auffordert, nun selber zu lieben, kommt diese Aufforderung: Bleibt in meiner Liebe, d.h. doch: bleibt in Kontakt mit mir und meiner Liebe!
Bleibt an dieser Quelle!

Natürlich tut es gut, mit liebevollen Menschen in Kontakt zu sein und dort Liebe zu erfahren und Liebe zu tanken. Aber unsere menschliche Liebe kommt ja immer schnell an ihre Grenzen und oft sind wir von anderen enttäuscht.

Bei Jesus können wir eine Liebe entdecken und erfahren, die tiefer ist. Da sind wir beim Ursprung.
Da ist eine Quelle, die sich nie erschöpft.

Wenn wir Liebe lernen wollen, dann geht es also zuerst darum, diese Liebe bei Gott zu erfahren und zu empfangen. Das klingt vielleicht ziemlich abstrakt. Es meint konkret, dass wir uns mit Gott und seiner Liebe beschäftigen, dass wir uns davon beeinflussen und berühren lassen, indem wir in der Bibel von dieser Liebe lesen und indem wir im Gebet die Verbindung zu Gott suchen. Es geht darum, dass du dein Herz für Gottes Liebe öffnest, dich ihr aussetzt und so diese Liebe in dein Herz kommt.

Das ist also das Erste. Aber dabei bleibt es nicht. Wenn wir von Gottes Liebe berührt worden sind, dann geht es jetzt darum, diese Liebe weiterzugeben. Sie auszuüben und einzuüben.

Darum gibt es im Neuen Testament viele Aufforderungen zum Lieben:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“
„Liebt eure Feinde!“
„Alles, was sie tut, geschehe in Liebe!“
„Die Liebe sei herzlich!“

Immer wieder fordert Jesus und seine Apostel uns auf: Gib diese Liebe weiter! Nicht nur an die Menschen, die besonders liebenswert sind oder die du ohnehin schon lieb hast, sondern auch an die anderen, an die Schwierigen und an die, die uns eigentlich nichts angehen.

Liebe lernen wir, indem wir sie tun!

Das wusste übrigens schon Aristoteles, der alte Philosoph! Er sagt: Die Tugenden – dazu gehört ja auch die Liebe – lernen wir, indem wir sie ausüben.
Also nicht, indem wir mehr Wissen aufhäufen, sondern durch unser Handeln.

Indem wir immer wieder Liebe praktizieren, wird sie allmählich zu einer inneren Haltung. Da wird diese Grundbewegung der Liebe – weg von mir, hin zum anderen – zu einer inneren Einstellung. Und je öfter wir liebevoll handeln, desto leichter und natürlicher wird es.

Du kannst also morgen anfangen mit dem Training: Im Straßenverkehr, im Büro, beim ALDI: Dem Menschen neben dir deine Aufmerksamkeit schenken, dich in ihn hineinversetzen, Rücksicht nehmen, Fehler verzeihen, Gutes gönnen.

Unser Alltag ist das große Fitnesscenter der Liebe. Da können wir sie trainieren, sie ausüben und einüben.

Wenn wir das so machen, dann entsteht so etwas wie ein Kreislauf:
Wir lassen uns von Gott lieben, setzen uns seiner Liebe aus und nehmen sie in unser Herz. Im Gottesdienst. Im Gebet. Immer wieder.
Und dann geben wir diese Liebe weiter, üben sie aus, handeln.

Und so kann die Liebe mehr und mehr unser Leben prägen, unser Herz füllen.

Liebe kann man lernen.
Und ich glaube, es gibt eigentlich nichts Wichtigeres.
Denn man hat ja den Eindruck, als stände die Liebe in dieser Welt gerade auf ziemlich verlorenem Posten.

Ich glaube, wir sind alle ziemlich erschüttert von dem Tod von Alexei Nawalny und von der Skrupellosigkeit, mit der Putin seine Machtinteressen durchsetzt.
Und auch im Nahen Osten sehen wir so viel Hass und Gewalt.

Es wirkt doch so, als hätte die Liebe in dieser Welt keine Chance. Als hätte sie keine Macht.

Aber ich glaube, dass die Liebe am Ende die Oberhand gewinnen wird.
Wasser ist stärker als Fels.
Und Liebe ist stärker als Hass und Bosheit.

Am Ende wird sie siegen.
Ganz bestimmt im Reich Gottes.
Da wird die Liebe alles erfüllen.
Aber wenn wir beharrlich der Liebe Raum geben, dann werden wir auch jetzt schon kleine Siege der Liebe erleben können.

Darum wünsche ich mir, dass unsere Gemeinde ein Ort ist und noch mehr ein Ort wird, wo wir miteinander die Liebe einüben, wo wir Gottes Liebe erfahren und empfangen und wo wir gemeinsam trainieren, diese Liebe mit anderen Menschen zu teilen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.